750 Volt Gleichspannung und Wasser vertragen sich nicht. Das wissen Feuerwehrleute, aber auch Polizisten im Wasserwerfer. In Erfurt gibt es ein 60 km langes Netz von Oberleitungen. Klar, Straßenbahnen brauchen Spannung auf den Leitungen. Aber was macht man, wenn die Feuerwehr einen Brand löschen, die Polizei einen Wasserwerfer einsetzen oder eine Wartung durchgeführt werden muss?
Die Leitstelle der Erfurter Verkehrsbetriebe AG, kurz EVAG, anrufen! Am Urbicher Kreuz, im Südosten der Landeshauptstadt, sitzt ein Disponent. Er koordiniert den Nahverkehr der EVAG. Acht Disponenten arbeiten in Schichten, damit die Leitstelle rund um die Uhr besetzt ist.

Den Diensthabenden Disponenten Carsten Zille fragte ich:
„Wie stellt die EVAG den Strom auf den Oberleitungen ab?“
Sofort wurde ich korrigiert. Es heißt „Abschalten“ und „Spannung“. Wieder was gelernt. Zille sitzt vor vielen Bildschirmen. Die flimmernden Zahlen und Grafiken sind für Außenstehende nicht sofort verständlich. Auf einem Bildschirm ist aber das Liniennetz der Erfurter Straßenbahnen zu erkennen, unterbrochen von Kästen.
„Diese stehen für die Stromzufuhr in das Leitungsnetz.“ erklärt Zille. Die Unterwerke an den Einspeisepunkten wandeln die Spannung und die Frequenz des allgemeinen Stromnetzes in den Bahnstrom um. Das Oberleitungsnetz ist in verschiedene Gebiete unterteilt, in die man rein zoomen kann. Mit einem Mausklick kann Carsten Zille gezielt Oberleitungen die Spannung abschalten. Das war es. Super einfach. Oder doch wieder nicht? Sicherheit geht vor. Nun kommen die Verkehrsdispatcher ins Spiel. Das sind die „Kümmerer“ der EVAG. In ihren zwei Einsatzfahrzeugen mit Blaulicht kümmern sie sich um alles, was den Nahverkehr behindert- Falschparker, Baustellen, kaputte Busse oder Straßenbahnen usw., aber auch um die Spannungsabschaltung vor Ort. Thomas Fiedler ist erst seit zwei Monaten Verkehrsdispatcher. Zuvor hatte er seinen Kraftverkehrsmeister gemacht und fuhr sieben Jahre eine Stadtbahn. Er zeigt mir warum es nicht reicht, mit einem Mausklick die Spannung abzuschalten. Auf geht es mit dem weißen VW-Bus. Die Blaulichter werden nicht eingeschaltet. Schade.
Dies ist nur bei Notfällen erlaubt. Auf dem Weg durch die Stadt erfahre ich von Thomas Fiedler, wie die Einsatzwagen ausgestattet sind. „Wir sind so eine Art Gelbe Engel für Bus- und Straßenbahnfahrer. Im Wagen ist alles was man braucht, Werkzeuge, Absperrband, Hebekissen, Schilder. Kleine Reparaturen kann ich auch selbst durchführen.“ erklärt Fiedler, dabei schaut er immer wieder auf entgegenkommende Busse und Straßenbahnen. Sind die Fahrzeuge in Ordnung? Wird richtig gefahren? „Dispatcher sind für die operative Verkehrslenkung zuständig. Damit allen Bus- und Straßenbahnfahrern weisungsberechtigt.“ reagiert Fiedler auf meinem fragenden Blick. Wir sind angekommen. Im Fahrzeug befinden sich neben Werkzeug auch zwei Stangen.

Durch das Zusammenstecken werden sie groß genug, um an die Leitungen zu reichen. Eine Stange dient zur Spannungsprüfung. Fiedler nimmt Kontakt zum Disponenten in der Leitstelle auf. Per Mausklick kann nun die Spannung auf Gleis 14 abgeschaltet werden. „Nun messe ich die Spannung.“, sagt Fiedler und hängt die Prüfstange in die Leitung. Der Zeiger zeigt 0 Volt an. Gut.
Eine mögliche Restspannung abzuleiten und die Leitung gegen ein versehentliches Wiedereinschalten zu sichern, das ist die Aufgabe der zweiten Stange. Die wird von Fiedler eingehängt. Fertig. Die Leitung ist gesichert.
Nun könnte gefahrlos die Leitung bei Wartungsarbeiten angefasst oder die Feuerwehr einen Brand in der Nähe löschen. Darf wieder Spannung auf die Oberleitung, so gibt Verkehrsdispatcher Thomas Fiedler ein Zeichen an Disponent Carsten Zille. Ein Mausklick und die Spannung kommt wieder auf die Leitung – 750 Volt. Eine Prüfung mit der Messstange bestätigt es. Die Straßenbahn kann wieder fahren. Funkspruch kommt. Ein Straßenbahnfahrer meldet einen „Falschparker“ in der Johannesstraße. Routine, die Straßenbahn kommt nicht an einem geparkten Auto vorbei. Fiedler nimmt Kontakt zum Bürgeramt auf und macht sich auf dem Weg.
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