Manche Erinnerungen haben einen ganz eigenen Klang. Für Rolf Henkel ist es vor allem das Quietschen einer Tatra in der Kurve. Seit 1980 fährt er Straßenbahn in Erfurt. Die KT4D haben ihn fast sein gesamtes Berufsleben begleitet – und eigentlich begann die Geschichte noch früher: mit einem Jungen aus Königsee, der bei Besuchen in Erfurt immer dann besonders aufmerksam wurde, wenn eine Straßenbahn vorbeifuhr.
Man hört sie, bevor man sie sieht.
Ein metallisches Quietschen in der Kurve, das Rollen der Räder auf den Schienen, dieses ganz eigene Fahrgeräusch. Wer lange genug in Erfurt gelebt hat, kennt es. Und einer erkennt es ganz sicher.
„Das hört man“, sagt Rolf Henkel und muss nicht lange überlegen. Ob Combino, Tramlink oder Tatra – für ihn hat jede Straßenbahn ihren eigenen Klang. „Wenn man die Augen zumacht, hört man den Unterschied.“
Und wenn es eine Tatra ist?
Dann sind sie plötzlich wieder da: „Die alten Zeiten.“
Erst kam die Tatra, dann kam Rolf
Am 5. April 1976 traf der erste Kurzgelenktriebwagen des Typs KT4D aus den Prager CKD-Werken in Erfurt ein. Für den Nahverkehr der Stadt begann damit eine neue Ära. Die ersten 20 Erfurter Wagen gehörten zur sogenannten Nullserie, später wuchs der Bestand weiter. Bis 1990 wurden insgesamt 156 KT4D nach Erfurt geliefert. Die robusten Fahrzeuge sollten das Stadtbild für Jahrzehnte prägen.
Rolf Henkel war damals 13 Jahre alt und lebte noch in Königsee. Straßenbahnen gab es dort nicht. Trotzdem hatten es ihm ausgerechnet die Erfurter Bahnen angetan. Seine Familie hatte Verwandte in der Stadt, also war Rolf immer wieder zu Besuch. Und während andere vielleicht auf den Dom, den Anger oder die Geschäfte schauten, wanderte sein Blick zu den Schienen.
„Wenn die Straßenbahn kam, habe ich immer hingeguckt“, erinnert er sich. Aus Neugier wurde ein Wunsch. Straßenbahn fahren – das wäre etwas.
1980 zog der damals 18-Jährige nach Erfurt. Die Erfurter Verkehrsbetriebe suchten Fahrer. Bus, Taxi oder Straßenbahn standen zur Wahl. Für Rolf Henkel war die Sache schnell klar – Straßenbahn sollte es sein.
Im August begann er, absolvierte seine Ausbildung – rund ein Vierteljahr später saß er selbst im Fahrerstand. Aus dem Jungen, der bei Familienbesuchen den Bahnen hinterhergeschaut hatte, war ein Straßenbahnfahrer geworden.
„Ich habe angefangen und gemerkt: Das ist es. Es hat mir von Anfang an Spaß gemacht.“
Eine Tatra gehörte zu Erfurt wie der Dom
Wer in den 1980er-Jahren in Erfurt zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen fuhr, kam an den Tatras kaum vorbei. In Doppeltraktion boten die neuen Fahrzeuge Platz für knapp 400 Fahrgäste. Der einzelne KT4D war 18,11 Meter lang, vierachsig und perfekt für das Erfurter Meterspurnetz abgestimmt.
Mit ihnen wuchs der Nahverkehr gemeinsam mit der Stadt. Neue Wohngebiete entstanden, Strecken wurden verlängert, die Bahnen mussten immer mehr Menschen bewegen. 1985 zählte der Erfurter Nahverkehr 161,3 Millionen Fahrgäste.
Für Rolf Henkel waren die Tatras irgendwann Alltag. Aber eben nie nur Alltag. Besonders deutlich wurde das 1981.
Damals starteten in Erfurt die Versuche mit etwas, das selbst für Straßenbahnverhältnisse beeindruckend aussah: drei Tatras, zu einem einzigen Zug gekuppelt.
Nach einer ersten Probefahrt begann am 1. Dezember 1981 der Probebetrieb der Dreifachtraktion. Erfurt nahm damit eine Sonderstellung ein, als einzige Stadt, die KT4D-Dreifachtraktionen dauerhaft im regulären Linienverkehr einzusetzen. Drei Wagen – das bedeutete gut 54 Meter Straßenbahn. Und vorne: ein Fahrer.
„Man war stolz, so einen Zug fahren zu dürfen“
Rolf Henkel erinnert sich noch genau daran.
„Mit so einem langen Geschoss durch Erfurt zu fahren, war schon etwas Spezielles“, sagt er. „Man war stolz, das Fahren zu dürfen und zu können.“
Anfangs kamen deshalb vor allem erfahrene Fahrer zum Einsatz. Denn so ein Großzug wollte beherrscht werden.
54 Meter verschwinden nicht einfach hinter dem Fahrerstand. Wer vorne hielt, musste wissen, wo ganz hinten der letzte Wagen stand.
„Man musste vor allem sehr genau fahren“, erzählt Rolf Henkel. „Der ganze Zug musste in die Haltestelle passen.“
Bei einem kürzeren Fahrzeug sei ein Meter weiter vorn oder hinten meist kein Drama. Bei einer Dreifachtraktion konnte das anders aussehen. Nicht jede Haltestelle war anfangs für diese Zuglänge ausgelegt, weshalb die Infrastruktur Schritt für Schritt angepasst werden musste.
Für Rolf Henkel gehörte genau das zum Reiz: eine große Maschine zu bewegen und trotzdem Menschen, Ampeln, Autos und Haltestellen im Blick zu behalten.
Die Technik hat sich seitdem verändert. Die Aufgabe des Menschen im Fahrerstand erstaunlich wenig.
„Man muss vorausschauend fahren. Man muss aufpassen und für viele andere mitdenken“, sagt Rolf Henkel.
Vor allem dürfe man eines nie vergessen: Eine Straßenbahn bremst nicht wie ein Auto.
Heizung im Sitz? Davon konnte man früher träumen
Romantisch verklären möchte Rolf Henkel die Vergangenheit trotzdem nicht.
Wer ihn fragt, ob ein moderner Tramlink angenehmer zu fahren sei als eine alte Tatra, bekommt eine eindeutige Antwort:
„Auf alle Fälle.“
Der Fahrerplatz von damals sei mit dem heutigen Komfort kaum zu vergleichen gewesen. Die Sitze ließen sich zwar etwas verstellen – mehr aber auch nicht. Moderne Fahrersitze mit Belüftung? Fehlanzeige.
Und doch spricht Rolf Henkel über die alten Wagen mit einer Wärme, die wenig mit Sitzkomfort zu tun hat.
Die Tatras waren die Fahrzeuge, mit denen er angefangen hat. Die Fahrzeuge, in denen er unzählige Stunden durch Erfurt gefahren ist. Die Wagen, die Kollegen gemeinsam „gehegt und gepflegt“ haben.
„Für uns war das damals ein Highlight, als diese Fahrzeuge kamen“, sagt er.
Das Stadtbild änderte sich – die Tatras blieben im Gedächtnis
Ab den 1990er-Jahren begann langsam der Generationswechsel. Ende Mai 1994 gingen die ersten vier Erfurter Niederflur-Straßenbahnen vom Typ MGT6D in Betrieb. Weitere Niederflurfahrzeuge folgten. Tatras wurden abgestellt, andere noch einmal modernisiert: Bis 1998 setzte die EVAG insgesamt 63 KT4D instand. Rolf Henkel machte auch diesen Wandel mit. Neue Fahrzeuge bedeuteten neue Schulungen und andere Technik.
Seine Haltung dazu ist unsentimental: „Die Zeit bleibt ja nicht stehen.“
Am 17. Oktober 2014 war schließlich Schluss. Mit den Wagen 405 und 495 fand die letzte reguläre Tatra-Fahrt im Erfurter Linienverkehr statt. Nach fast vier Jahrzehnten verschwanden die charakteristischen Fahrzeuge aus dem täglichen Fahrplan.
Aber nicht ganz aus Erfurt.
Fünf Tatras und ein Stück Stadtgeschichte
Heute sind noch fünf teilweise umgebaute KT4D bei der EVAG vorhanden: Drei Wagen – 512, 522 und 530 – stehen für Sonder- und Stadtrundfahrten zur Verfügung. Zwei weitere leben als Arbeitswagen weiter und werden unter anderem für Aufgaben rund um die Infrastruktur und den Winterdienst eingesetzt.
Wer selbst einmal Tatra-Atmosphäre erleben möchte, kann die Klassiker für Gruppen- und Themenfahrten buchen. Die EVAG bewirbt sie ausdrücklich als nostalgische Eventbahn; aktuell gehören sogar besondere Themenfahrten wie „Halloween in der Tatra“ zum Programm. Und manchmal sitzt dann wieder Rolf Henkel vorn.
Eine Sonderfahrt mit einer Tatra sei für ihn bis heute „etwas Schönes“, sagt er. Besonders dann, wenn Fahrgäste einsteigen, die die Wagen noch aus ihrem eigenen Alltag kennen.
Menschen, die früher damit zur Schule gefahren sind. Zur Schicht. Zum Einkaufen.
Dieses Quietschen!
Denn da ist es wieder.
Das Geräusch, das moderne Straßenbahnen deutlich seltener machen. Bei der Tatra gehört das Quietschen in engen Kurven fast zum Charakter. Stahlrad trifft Stahlschiene, die alte Fahrzeugtechnik arbeitet hörbar.
„Gerade wenn es geregnet hat und dann wieder abtrocknet – dann quietscht es“, sagt Rolf Henkel.
Man könnte versuchen, dieses Geräusch technisch zu erklären. Man könnte aber auch einfach Rolf Henkel fragen. Der braucht dafür nur wenige Worte.
Eine Tatra klingt eben wie eine Tatra.
50 Jahre nach der Ankunft des ersten KT4D ist das vielleicht das Schönste an diesen Bahnen: Sie sind nicht einfach nur historische Technik. Sie sind Teil der Erinnerung einer ganzen Stadt.
Und Teil der Lebensgeschichte eines Mannes, der als Junge bei Besuchen in Erfurt den Straßenbahnen hinterherschaute, mit 18 selbst in den Fahrerstand stieg – und noch heute lächelt, wenn irgendwo in Erfurt eine alte Tatra um die Kurve kommt.
Manchmal muss man Stadtgeschichte eben nicht lesen. Man kann sie hören.
Tipp: Tag der offenen Tür am 19. September
Wer nach dieser Zeitreise Lust bekommen hat, Erfurter Nahverkehrsgeschichte selbst zu erleben, sollte sich den 19. September 2026 vormerken. Von 10 bis 16 Uhr lädt die EVAG zum Tag der offenen Tür am Urbicher Kreuz ein. Dort treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander: Bei einer Fahrzeugschau sind moderne und historische Fahrzeuge zu sehen, außerdem gibt es spannende Einblicke hinter die Kulissen – unter anderem bei Führungen durch die Straßenbahnwerkstatt, die Buswerkstatt und die Leitstelle. Dazu wartet ein buntes Programm für die ganze Familie.
Vielleicht ist dabei ja auch wieder ein ganz besonderes Geräusch zu hören: das unverwechselbare Quietschen einer Tatra.
Fotos: Paul-Philipp Braun, Günter Pambor, Stadtarchiv

