Der „Steiger“ – wilde Natur am Stadtrand

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Sommerjournal 2026

Das ist ihr Revier. Seit über 20 Jahren durchforstet Uta Krispin den Steiger in Erfurt. Sie ist die Revierförsterin des Reviers Erfurt des Thüringer Forstamtes Erfurt-Willrode. Mit festen Wanderschuhen springt die 58-Jährige gutgelaunt aus ihrem Forstauto: „Los geht’s“, sagt’s und zeigt auf ihrer wetterfesten Karte den kleinen Wanderweg, den sie uns zeigen will. „Wir laufen vom Waldkasino bis zum Domblick. Wir sehen alte Sichtschneisen, die der Steigerverschönerungsverein schon vor 200 Jahren hübsch für die Erfurter gemacht hat.“ Die Strecke ist knapp zwei Kilometer lang – hin und zurück. Uta Krispin wählt den stadtnahen schmaleren Wanderpfad.  Es sei eine schöne Sonntagsvormittagsrunde, so ihre Empfehlung.

Wer Zeit hat, kann den ganzen Tag im Steiger unterwegs sein. Es gibt gut begehbare, breite Wege bis ins Walterslebener Holz, weiter in den Rhodaer Grund. Dort kann der Wanderer in einer Gaststätte am Waldrand einkehren. Und zurück entweder bis zur Thüringenhalle oder dem Gasthof Hubertus  laufen und dort ins geparkte Auto oder in Bus und Straßenbahn steigen. Der Steiger biete für alle alles, sagt Uta Krispin. Vom Naturerlebnisgarten Fuchsfarm aus hat der Wanderer an schönen Tagen freie Sicht zum Thüringer Wald. „Der Steiger ist vielfältig. Es gibt auf kleiner Fläche ganz viel. “ Sieben Feuchtbiotope liegen im Steiger. Da quakt es,  summen Insekten. Und: „Man kann sich nicht verlaufen, die Wege führen irgendwann alle wieder zu einer Straße.“

Dschungel gibt’s nicht nur in den Tropen – solche grünen „Tunnel“ schlängeln sich zu Hauf durch den Steiger

Der Natur ihren Lauf lassen

Vom Waldkasino laufen wir in den Wald hinein. Es wird kühl. Starke Ahornbäume bilden ein grünes Dach. Doch wir kommen nicht weit. „Schaut mal, dort die Esche hat noch eine Krone, aber rechts schon abgestorbene Äste. Wir haben seit zehn Jahren Pilzbefall, das ist das sogenannte Eschentriebsterben. In den trockenen Jahren hat er auch die Wurzeln angegriffen. Die Bäume haben  keinen Halt mehr.“ Der Stadtwald Steiger verändert sich und wird heute auch anders als vor 20, 30 Jahren bewirtschaftet. „Wir lassen der Natur  ihren Lauf. Wir pflanzen hier nichts. Wir arbeiten ausschließlich mit dem, was die Natur uns schenkt.  Die Bäume werfen Samen ab und da wachsen junge Bäume.“

Uta Krispin vor einer Schautafel des Steiger. Aber auch ohne Orientierungshilfe kann man sich im 600 Hektar großen Steiger nicht verlaufen

Deshalb lohnt sich der Blick auf den Boden, ins Dickicht. Uta Krispin bückt sich zu einer kleinen Pflanze mit lila Blüte: „Das ist die Türkenbundlilie. Rehe lieben diese Blüten.“ Nach nur wenigen Minuten stehen wir auf der Sängerwiese und haben einen tollen Blick auf den Dom. Einst hieß das Areal „Augustapark“. Diese Namensgebung ging auf den Besuch der deutschen Kaiserin im Jahre 1876 zurück.  Damals fand hier am  Nordrand des Steigers eine große Gartenbauausstellung statt.

600 Fußballfelder groß

 Der Steiger ist nicht groß. Rund 600 Hektar misst die Waldfläche, das sind etwa 600 Fußballfelder. Dennoch ist die Fauna und Flora ist üppig. Es gibt mindestens zwanzig Baumarten – das reicht vom Ahorn, Winterlinde, Elsbeere, Douglasie, Rosskastanie bis zur Wildkirsche, Wildbirne. Das Revier durchstreifen Rehe, Wildschweine, Füchse, Dachse, Waschbären. Es gibt Spechte, viele Vogelarten. Für sie und all die vielen Käfer wird das Totholz heutzutage im Wald gelassen. „Die aufgeräumten Wälder sahen vielleicht schicker aus, waren aber für Lebewesen, die Natur gar nicht gut.“

Wir kommen an einem Rondell vorbei. Dort gibt es eine Gedenktafel für August Hedemann, der mit dem Steigerverschönerungsverein einst die Promenadenwege im Steiger angelegt hat. Im 19. Jahrhundert konnten die  Herrschaften auf den Wegen mit Lack- und Lederschuhen und im feinen Zwirn flanieren. Noch heute finden sich die Reste steinerner Treppenstufen. Derzeit gibt es Pläne, den Steigerverschönerungsverein wieder ins Leben zu rufen. 

Angekommen am Domblick sind vom Dom nur die Spitzen zu sehen. Die Vegetation ist üppig und wuchert ins Blickfeld. Hier machen wir Rast. Es gibt einen Tisch, eine Bank und sogar eine Bibliothek. Zwischen zwei Bäumen stehen auf einem Regal Holzbücher. Witzige Idee.

Bücher aus Holz? Am kleinen Rastplatz „Domblick“ kein Problem

„Den Steiger muss man zu jeder Jahreszeit besuchen. Im Frühjahr riecht hier alles nach Bärlauch, später durftet die Linde, im Herbst färbt sich das Laub bunt und im Winter hat man den Weitblick  sogar auf den Schneekopf“, schwärmt die Revierförsterin. Auf dem Rückweg kommen wir am Waldspielplatz vorbei. Auch das macht den Erfurter Stadtwald aus: Kinder können sich austoben und die Natur erleben. Mit der kostenlosen App „Flora Incognita“ können sie zum Beispiel Baumarten, Sträucher, Pflanzen am Wegesrand bestimmen.  „Ich würde immer raten von den breiten Wegen abzuschweifen auf die kleinen Pfade, da ist man manchmal auch fast allein.“

 

Text: Julika Noa

Fotos: Jacob Schröter

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