Vom Ende des Phantomschmerzes

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JOURNAL Frühling 2026

Ein goldfarbener Kleinwagen fährt am ehemaligen Schauspielhaus im Klostergang vor. Heraus schält sich ein Mitfünfziger. Thomas Schmidt. Architekt. Vom Büro herrschmidt Architekten. Baujahr 1970. Geburtsort: Suhl. Gelernter Elektriker. Elektroingenieur wollte er studieren. 1996 Studienbeginn an der Fachhochschule Erfurt. Aber Fachrichtung Architektur. „Ich hatte zufällig einen Flyer von denen in die Hand bekommen“, erinnert er sich.

Schmidt ist einer der Väter der Wiedergeburt des Schauspielhauses am Klostergang, eines Gebäudeensembles, jahrelang im Dornröschenschlaf versunken. Erfurts kultureller Phantomschmerz, er soll in Bälde auskuriert sein. Geglaubt hat daran lange keiner.

In dieser Phase wuchs im städtischen Bewusstsein in der Bürgerschaft Widerborstigkeit. Sich dem Nichtstun entgegenstellen. Schmidt war dabei. Dieser Schmidt, dessen Baustellenchic nicht unbedingt an die landläufige Vorstellung von einem Architekten erinnert. Arbeitskleidung, verschlissene Laptoptasche, eigenwillige, rote Bommelmütze und RWE-Schal als Markenzeichen. Grundhaltung: Visionär.

Ein neues Schauspielhaus? Schmidt: „Nein, nicht nur. Ein lebendiges offenes Haus, transparent und mit vielen Angeboten“. Soll heißen: ein Kulturquartier mit drei Hauptnutzern – Tanztheater, Kinoklub, Rundfunk. Gastspiele, Lesungen, Konzerte im großen Saal mit 430 Plätzen, Radio F.R.E.I. mit Studios. Tanztheater mit drei Sälen. Und eine Theaterkantine im Untergeschoss. Vier Aufzüge, alles möglichst barrierefrei. Das Schauspielhaus wird zur Lilienstraße hin mit einem neuen Eingang geöffnet, als Passage durchgängig gemacht. „Wir wollen, dass die Menschen hier miteinander reden, zusammenkommen“, sagt er. Baustart war am 1. Juni 2025. Und dann dieser Satz: „Mitte 2027 soll es vollbracht sein“. Der Architekt lächelt siegessicher. „Ihr seid doch irre?“ hat ein Zweifler gefragt, als das Projekt vorgestellt wurde.

Geht man durch das Haus, staubt‘s mal von rechts, von links, von oben, von unten. Eine einzige große Baustelle. Schmidt: „Wir sind im Plan“.

Wenn Thomas Schmidt hört, dass die Sanierung der Kölner Oper 1,5 Milliarden Euro kostet, wundert er sich. „Unser Budget sind davon ca. 0,5 Prozent“. Zusammengetragen wie bei den Ameisen. Am Anfang, 2014, stand die Idee einer Genossenschaft. Name: KulturQuartier. Zehn Leute waren fest davon überzeugt. 1.000 x 1.000, so die Formel, mit der es gerichtet werden soll. 1000 oder mehr Leute kaufen tausend Anteile á 1.000 Euro. Als Eigenanteil für den Kredit zum Kauf und die Sanierung. Hat geklappt. Heute hat die Genossenschaft ca. 1.250 Mitglieder. Neuzugänge jederzeit erwünscht.

Als sichtbar wurde, dass es Erfurts Bürgerschaft ernst meint mit der Wiederauferstehung ihrer traditionsreichen Kulturstätte, kamen dann auch Fördermittel. Der Bund war auf einmal mit im Boot. Die Sparkasse Mittelthüringen ließ sich als Finanzierer auf das Projekt ein. Und die Stadt unterstützt überzeugt die kulturelle Wundheilung.

Der Innenausbau läuft. „Manchmal befällt mich Vorfreude, wenn ich sehe, wie das Haus langsam jene Form annimmt, die wir erdacht haben“, sagt der Mann mit den Visionen und streicht versonnen über seinen RWE-Schal.

Michael Keller (Text) Steve Bauerschmidt (Fotos)

Tags :

Kulisse, Kultur, Kulturquartier

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