Tierärztinnen im Zoo stehen vor besonderen Herausforderungen: Ihre Patienten wiegen mitunter mehrere Tonnen, sind selten krank – und sprechen nicht. Im Erfurter Zoo erzählen Tina Risch und Dr. Luise Stegmeier-Länge von ihrem Alltag zwischen Narkosen, Training und Transporten.
Gepardenmutter Djéhuti und ihre vier Jungen streifen unruhig durch die Käfigboxen. Seit einigen Tagen dürfen die fünf nicht mehr in die Außenanlage. Der kleine Jabari hat sich am Fuß verletzt und zum Schutz vor Infektionen sollen die Katzen im Innengehege bleiben.
Am Morgen melden Pfleger Tierärztin Tina Risch jedoch ein weiteres Problem: Eines der Tiere hat ein altes Thermometer von der Wand gerissen. Es sei nicht auszuschließen, dass eine kleine Menge Quecksilber in die Holzspäne des Geheges gelangt ist. Zwei Mitarbeiter schaufeln deshalb das Streu in große Schubkarren, als Risch die Anlage zur Visite betritt. Die Geparden laufen nervös in ihren engen Boxen auf und ab. Ein Blick auf Jabaris Pfote bringt schließlich Entwarnung: Die Verletzung heilt gut. Die Klappe zum Außengehege kann wieder geöffnet werden. Die Tiere stürmen hinaus.
Eigentlich hatte Risch den Tag anders beginnen wollen. Eine junge Rappenantilope soll abgeholt und in einen französischen Zoo gebracht werden. Solche Transporte verlangen umfangreiche bürokratische Vorbereitungen, erklärt sie. Außerdem hat sich für den Mittag eine Amtstierärztin aus Erfurt angekündigt – ohne behördliche Kontrolle geht nichts.
Tina Risch und Dr. Luise Stegmeier-Länge bereiten den Transport der Rappenantilope vor. Die ersten Meter der Reise legt das Tier in Vollnarkose zurück. Im Transporter wird es mit einem Gegenmittel wieder aufgeweckt Matthias Thüsing (Text) Karina Hessland-Wissel (Fotos)
Währenddessen trainiert ihre Kollegin Dr. Luise Stegmeier-Länge im Nashornhaus die beiden Kühe Lottie und Stella. Die tonnenschweren Tiere lernen seit einigen Wochen das sogenannte Klickertraining. Pfleger Eric Laurenat gibt Kommandos; reagieren die Tiere richtig, ertönt ein kurzes Klicken aus einer Kunststoffbox. Das Signal kündigt eine Belohnung an. So lassen sich die Nashörner an tierärztliche Behandlungen gewöhnen. Heute trägt Stegmeier-Länge nur etwas Salbe hinter dem Ohr auf. Später könnte dort eine Impfung erfolgen – ohne Narkose. Für heute genügt die Übung.
Kurz darauf trifft der Transporter für die Rappenantilope ein. Auch die Amtstierärztin ist da. Risch betäubt das rund 150 Kilogramm schwere Tier. Vier Pfleger tragen die Antilope auf einer Plane in den Wagen, wo sie ein Gegenmittel erhält. Minuten später steht sie wieder auf den Beinen – etwas nervös, aber stabil. Die Anspannung bleibt: Narkosen gehören zum Alltag, doch Risiken lassen sich nie ganz ausschließen. Vor der Antilope liegen nun rund 25 Stunden Fahrt bis zum ZooParc de Beauval südlich von Paris. Risch würde gerne mal hinfahren. Der Tierpark soll sehr schön sein.
Doch das Fernweh muss waren. Zeit zum Durchatmen bleibt nicht. Bei Berberaffe Kolo hat ein Pfleger einen Bauchriss entdeckt, vergleichbar mit einem Leistenbruch beim Menschen. Kaum nähern sich die Tierärztinnen der Anlage, schrillen Warnrufe durch das Gehege. Ein Affe fletscht die Zähne, der Anführer Rico bringt ein Jungtier in Sicherheit. „Das kennen wir“, sagt Risch. Gefährlich sei die Situation nicht, doch man müsse den Tieren deutlich machen, wer hier das Sagen hat.
Die Untersuchung bei Kolo ist schnell beendet. Der Affe hat bereits gefressen – eine Operation wäre heute zu riskant. Der Eingriff wird auf morgen verschoben. Vielleicht bleibt bis dahin Zeit für die liegen gebliebene Büroarbeit – sofern nicht wieder etwas Unvorhergesehenes passiert.
Matthias Thüsing (Text) Karina Hessland-Wissel (Fotos)

