Stadtwerke Netz setzt in Erfurt auf eine bayerische Technologie, die weltweit einzigartig ist.
Es ist an der Zeit. Erfurts Gasleitungen – und nicht nur die – sind in die Jahre gekommen. Eine Sanierung nach über einem halben Jahrhundert durch die Stadtwerke ist geboten. Was in der Regel oft für Verdruss im Umfeld sorgt: Bagger reißen den Boden auf, holen die alten Rohre raus, buddeln alles wieder zu. Wochenlang Dreck und Lärm inklusive. Muss nicht sein. Es gibt inzwischen eine Alternative. Die Anwohner der Tettaustraße waren die Ersten, die in den Genuss gekommen sind. Anstatt den Park vor ihrer Haustür von vorn bis hinten aufzureißen, um die alten, seit 1974 im Erdreich liegenden Gasleitungen auf 240 Metern Länge zu erneuern, ging es hier eher im Stillen ab. Und schneller. Start am 3. November, Finale am 17. Und die Anwohner haben kaum etwas davon mitbekommen. Einer bayerischen Firma sei Dank.
Cham liegt in der Oberpfalz, etwa 65 Kilometer östlich von Regensburg. Dort hatte ein gewisser Werner Rädlinger vor 25 Jahren eine Idee. Warum das Erdreich aufreißen und wochenlang neue Rohre verlegen, wenn es auch anders gehen könnte. Rädlinger, Baujahr 1969, tüftelte und heraus kam ein rechteckiger Superschlauch aus Spezialgewebe. Der wird mit einem raffinierten Trick in die bereits vorhandenen Gas-, Wasser- oder Öl-Druckleitungen eingezogen. Eine Kamera Stadtwerke Netz setzt in Erfurt auf eine bayerische Technologie, die weltweit einzigartig ist macht eine Bestandsaufnahme des inneren Zustandes, zeitgleich wird das Rohrinnere blitzblank gereinigt und begradigt. Gleichzeitig wird ein Stahlseil eingezogen. An dem wird der Superschlauch befestigt und durch das Rohr gezogen. Die halbe Miete. Bis zu einer maximalen Länge von zwei Kilometern am Stück ist das möglich. Abweichungen im Winkel von bis zu 45 Grad sind keine Hürde. Überzeugende Argumente für Erfurts Stadtwerke, diese Technologie auszuprobieren und gegebenenfalls öfter zur Anwendung zu bringen.
11.November, 10 Uhr. Die Erfurter Narren scharren mit den Hufen. Gleich startet die Karnevalssaison. Am 18. Februar 2026 ist alles vorbei. So lange brauchen die Jungs von Rädlinger Primus Line nicht ansatzweise für ihre Erfurt-Premiere. Die Seilwinde zieht den von einem Monteur mit Schmierseife gleitfähig gemachten Superschlauch in das alte, vorbereitete Gasrohr. Fünf Meter pro Minute. Um 10.45 Uhr ist es geschafft. Der Techno-Wurm liegt unterm Park an der Tettaustraße. Diskret und leise eingezogen. Selbst auf dem nahen Spielplatz hat keiner etwas mitbekommen.
Michael Keller (Text)
Christian Fischer (Fotos)
In den nächsten Tagen wird das Werk beendet. Der Superschlauch wird mit massivem Luftdruck in der alten Röhre aufgeblasen und das nahtlose Kevlar-Gewebe aus Aramitfasern drückt sich bündig in das Rohr. Fertig. Demnächst strömt hier wieder Gas. Ruhe für die nächsten 50 Jahre. Mindestens und garantiert. Das Material sei „hochfest und unkaputtbar“, heißt es. Die Rädlinger-Technologie, so viel kann man jetzt schon sagen, wird demnächst in Erfurt öfter zum Einsatz kommen. Die Bayern haben die Stadtwerke-Leute von der Netz-Sparte, Geschäftsführer Frank Heidemann war selbst vor Ort, überzeugt. Wohl auch die zehn Kiebitze von der SWE Wassersparte, die ebenfalls interessiert der Premierenvorführung zusahen. In hochsensiblen Gebieten, also hochfrequentierten Straßen oder geschützten Grünanlagen, wird über ein Jahrespotenzial von aktuell auf 500 bis 1.000 Meter buddelfreies Sanieren nachgedacht, wie die Stadtwerke nach der erfolgreichen Premiere der neuen Technologie wissen ließen.
Es gibt unterirdisch viel am Gas- und Wassernetz zu sanieren in Erfurt. Mit bayerischer Hilfe. Wenn es denn terminlich passt. Rädlinger Primus Line (150 Mitarbeiter, etwa 40 Projekte weltweit pro anno, Jahresumsatz 40 Millionen Euro) ist Weltmarktführer, auch in den USA und Kanada unterwegs und global einziger Anbieter dieser technischen Lösung. Kein Wunder, dass Kommunen in Cham Schlange stehen, um einen Termin zu erhaschen. „Der Bedarf ist riesig. Wir sind bis Mitte 2026 ausgebucht“, sagt Holger Klehr, Außendienstleiter für Ostdeutschland. Das liege auch am preislich attraktiven Gesamtpaket, welches mit 50 bis 75 Prozent Kostenersparnis beim Leitungsaustausch locke. Vom zeitlichen Vorteil – Rädlinger kommt mit einem Viertel der Zeit der üblichen Buddelei aus – ganz zu schweigen.

