Schätze im Keller

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JOURNAL Frühling 2026,Unser Erfurt

21 Stufen führen hinab in Erfurts tiefste Vergangenheit. Seit etwas mehr als einem Jahr präsentiert das Erfurter Stadtmuseum im Untergeschoss des Hauses zum Stockfisch seine archäologische Sammlung. Das älteste Fundstück ist 100.000 Jahre alt.

Gudrun Noll-Reinhardt steht in der Dunkelheit des romanischen Kellers an einem der unbeleuchteten Pulte. Sie drückt auf einen Touchscreen. Eine Vitrine mit einem tönernen Kochtopf darin fährt aus dem Pult heraus. Licht geht an und beleuchtet den Topf sowie knapp 150 hauchdünne Silbermünzen. Sie sind ebenfalls unter Glas ins Pult eingelassen. „Das hier ist unser Erfurter Brakteatenschatz“ sagt Kuratorin Noll-Reinhardt. „Den Topf mit über 1.300 Münzen hat der Stadtarchäologe Hans-Otto Pollmann 1994 an der Mauer eines ehemaligen Friedhofs nördlich der Sulzaer Siedlung geborgen.“

Brakteaten sind eine mitteldeutsche Spezialität der Münzkunde. Die hauchfeinen Silberlinge galten nur in der Stadt, in der sie geprägt wurden. Und sie galten immer nur für ein Jahr. Danach legte der Münzherr eine neue Serie mit kunstvollen Prägungen auf. Wer noch alte Münzen hatte, musste sie umtauschen. Das war mit einem Preisabschlag verbunden, der dem Stadtherrn zufloss.

Der Erfurter Schatz setzt sich hauptsächlich aus Erfurter Münzen zusammen, umfasst aber auch einzelne Stücke aus anderen mitteldeutschen Städten – von Arnstadt über Altenburg bis Halberstadt und Mühlhausen. Die älteste Münze stammt aus der Zeit von 1153 bis 1160, die jüngste kurz nach 1200. In jeder einzelnen von ihnen ist einseitig ein kunstvolles Bildnis eingeprägt. Romanik pur.

Vermutlich sei es ein Waidbauer gewesen, der hier im Erfurter Umland zu bescheidenem Reichtum gekommen war, sagt Noll-Reinhardt. Sie schätzt, dass sich der Eigentümer des Schatzes für das Geld 22 Schweine oder 180 Schafe hätte kaufen können. Doch um 1200 waren die Zeiten unruhig. Also versteckte er sein Geld auf dem Friedhof und womöglich landete er eben da, bevor er sein Eigentum wieder bergen konnte.

Gudrun Noll-Reinhardt präsentiert Schätze der Archäologie aus Erfurt: Ein bronzezeitliches Gefäß, das vor mehr als 5000 Jahren mit einem natürlichen Klebstoff repariert wurde. Eine jungsteinzeitliche Tontrommel. Eine hauchdünne Münze aus dem Erfurter Brakteatenschatz

Gudrun Noll-Reinhardt kann zu jeder Münze etwas sagen. Immer wieder muss sie den Touchscreen bedienen. Denn alle 30 Sekunden geht das Licht wieder aus und die Vitrine fährt herunter. „Unsere Besucher sollen in der Ausstellung aktiv werden“, sagt sie. Sowohl die Exponate als auch die Monitore mit den Erläuterungen müssen jeweils angefordert werden. „Wer hier nichts tut, kann bei uns viel Zeit verbringen, ohne irgendetwas zu sehen“, lacht sie.

„Etwa 25.000 Stücke umfasst die archäologische Sammlung der Stadt“, sagt Museumschef Harry Eidam. Vieles hätten Bürger Ende des 19. Jahrhunderts geborgen, als Erfurt entfestigt worden sei. Dabei sei so manch wertvolles Stück ans Tageslicht gekommen, darunter etwa auch ein römischer Eimer aus dem 2. oder 3. Jahrhundert nach Christus. Weil bei solchen Stücken meist der Fundzusammenhang nicht erforscht wurde, fehlen dem Museum heute wichtige Informationen. Der Bronzeeimer könnte als Weinmischgefäß oder Obstschale verwendet worden sein. Auch eine Nutzung als Graburne ist möglich. All das erfährt der Besucher, wenn er die Knöpfe auf den Pulten drückt.

Der bisherige Erfolg gibt dem Konzept recht. 16.000 Gäste sind bislang die 21 Stufen in die Erfurter Vergangenheit hinabgestiegen. Sie haben den Schatz, den Nachweis einer Schädeloperation vor 5000 Jahren oder einen bronzezeitlichen Rasierer für sich entdecken können. Eine weitere interaktive Installation zeigt die Verteilung der Fundorte ausgewählter Exponate im Stadtgebiet und gibt Einblicke in die Arbeit der Archäologen.

Auch die neuesten Funde werden im Keller vorgestellt. Aktuell ist die Vitrine leer. Die Flaute am Bau reicht bis in die Archäologie: Wird kein Erdreich bewegt, bleiben die Schätze im Boden – und warten weiter auf ihren Moment im Licht.

 

Matthias Thüsing (Text) Jacob Schröter (Fotos)

Tags :

Archäologiekeller, Ausstellung im Erfurter Stadtmuseum

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