Irgendwann klappt es mit dem Spielplatz. Frauen sind eben hartnäckig
Marina Rothe
Straßen, Schulen, Vereinsfeste und die Sauberkeit im Dorf sind Themen, die die Bürger an uns herantragen.
Christian Poloczek-Becher
Ortsteilbürgermeister, Ortsteilräte und Stadtverwaltung sind aufeinander angewiesen.
Frank Wenzel
Ortsteilbürgermeister sind das Gesicht der Verwaltung in ihren Stadtteilen. Als ehrenamtliche Verwaltungsmitarbeiter fungieren sie gleichzeitig als Kummerkasten, Blitzableiter und Wünsche-Erfüller für Bürgeranliegen aller Art. Trotz der enormen Unterschiedlichkeit der 40 Erfurter Ortsteile ähneln sich die Aufgaben der Bürgermeister und ihrer Ortsteilräte verblüffend.
Christian Poloczek-Becher hat für sich ausgerechnet, dass er monatlich durchschnittlich 60 bis 80 Stunden ehrenamtlich arbeitet. In dieser Zeit bietet er Sprechstunden an, nimmt Wünsche und Anregungen beim Plausch auf der Straße auf, besucht Feste und Vereine und leitet regelmäßig die Sitzungen des Ortsteilrats in Vieselbach. Da seine Kinder inzwischen aus dem Haus sind, kann er sich diesem umfangreichen Ehrenamt widmen.
Bei Marina Rothe ist das ähnlich. Die gebürtige Erfurterin und ehemalige Kosmetiksaloninhaberin am Roten Berg schaut nicht auf die Stechuhr, wenn sie sich für ihre Mitbewohner engagiert. „Meinem Team im Ortsteilrat und mir ist es vor allem wichtig, dass wir zu Ergebnissen kommen“, sagt sie. Bereits als Unternehmerin habe sie großen Wert auf greifbare Resultate gelegt. Zeit investiere sie deshalb gerne – solange etwas dabei herauskomme.
Poloczek-Becher und Rothe sind zwei von insgesamt 40 Ortsteilbürgermeistern in Erfurt. Jeder Einzelne ist erste Anlaufstelle, Bindeglied zwischen Rathaus und Quartier sowie direkter Draht zu den Bürgerinnen und Bürgern. Werden Entscheidungen getroffen, die den jeweiligen Stadtteil betreffen, werden die Ortsteilbürgermeister und ihre Räte frühzeitig eingebunden.
Klassische Beispiele sind die Gestaltung von Grünanlagen, Sport- oder Spielplätzen, erklärt Frank Wenzel. Er war bis Ende Februar Beauftragter für Ortsteile und Ehrenamt in der Stadtverwaltung. „Bei jeder Sitzung des Ortsteilrats protokolliert jemand aus unserem Team.“ Anschließend leitet sein Amt die Beschlüsse und Anregungen an die zuständigen Fachabteilungen weiter und vermittelt Ansprechpartner im Rathaus. „Bei vielem können wir helfen, anderes muss der Stadtrat entscheiden“, so Wenzel.
Die Bedürfnisse der Ortsteile sind so vielfältig wie ihre Strukturen. Das zeigt schon der Vergleich zwischen Vieselbach und dem Roten Berg. Vieselbach ist ein klassisches Dorf vor den Toren der Kernstadt, der Rote Berg ein zentrumsnahes Plattenbaugebiet. Mit knapp 2.200 Einwohnern ist Vieselbach deutlich kleiner als der Rote Berg mit rund 7.000 Bewohnern. Dennoch unterscheiden sich die Aufgaben der beiden Ortsteilbürgermeister – Rothe ist 2017 und Poloczek-Becher seit 2019 im Amt – nicht grundsätzlich.
Rothe und ihr Ortsteilrat haben beispielsweise jahrelang für Angebote am Roten Berg gekämpft – letztlich erfolgreich. „Die neue Kaufhalle am Julius-Leber-Ring ist im November eröffnet worden“, berichtet sie. Fast ebenso lange fordert sie einen Spielplatz im Wohngebiet, da viele Familien zugezogen sind. „Wenn es hakt, greife ich zum Telefon und rufe in der Fachabteilung an. „Tut sich nichts, lade ich einen Mitarbeiter zum Ortstermin ein.“ Sie ist sich sicher: „Irgendwann klappt es mit dem Spielplatz. Frauen sind eben hartnäckig.“
Auch Christian Poloczek-Becher weiß, wie man dicke Bretter bohrt. „Und sei es nur, genügend Papierkörbe im Ort aufzustellen“, erklärt er. Straßen, Schulen, Vereinsfeste und die Sauberkeit im Dorf sind Themen, die die Bürger an ihn herantragen. Sein Herzensprojekt ist jedoch der Bau eines Pendlerparkplatzes am Bahnhof Vieselbach. Als Geschäftsstellenleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Thüringen ist er dem Nahverkehr besonders verbunden – nebenberuflich fährt er Straßenbahn für die EVAG.
Seine Mitgliedschaft im Stadtrat von 2017 bis 2024 hat ihm zusätzlichen Rückhalt verschafft. „Über die Fraktionen lassen sich Anliegen der Ortsteile aufgreifen und vorantreiben, wenn die Verwaltung bremst“, erklärt er, vor allem bei kostenintensiven Projekten.
Einen ähnlichen Weg wählt der Ortsteilrat am Roten Berg: Bürgermeisterin Rothe pflegt gute Kontakte zur CDU-Fraktion, deren Stadträte bereits viele ihrer Anliegen unterstützt haben. „Parteipolitik spielt in unserem Rat jedoch kaum eine Rolle“, betont sie. Jeder, der konstruktiv mitarbeitet, ist willkommen – wer sich nur profilieren will, scheitert, mit oder ohne Parteibuch.
Frank Wenzel bestätigt das: „Ortsteilbürgermeister, Ortsteilräte und die Stadtverwaltung sind aufeinander angewiesen, damit in den Stadtteilen etwas vorankommt.“ Wenn etwa ein neues Förderprogramm startet, möchte jeder Ortsteil als Erster profitieren. „Dann ist es auch unsere Aufgabe, zu ermitteln, wo der dringendste Bedarf besteht, und eine Reihenfolge zu empfehlen“, so der ehemalige Amtsleiter. Bei entsprechender Beratung und Kommunikation finde sich fast immer eine Lösung, mit der alle zufrieden sind.
Matthias Thüsing (Text) Jacob Schröter (Fotos)

