Marie Linz ist vielleicht die jüngste Schlossverwalterin Thüringens. Mit 35 Jahren hat sie Schlüsselgewalt auf der Wasserburg Kapellendorf und das schon seit 10 Jahren. „Burgen und das Mittelalter haben mich schon immer fasziniert, ich war schon mit sieben Jahren auf Ausgrabungen, damals mit meinem Vater. Das hat mich nicht mehr losgelassen“, erzählt die junge Frau, die in Jena Geschichte des Mittelalters und Archäologie studierte. Gleich nach dem Studium erfüllte sich ihr großer Traum.

Seit 10 Jahren betreut sie als Kuratorin die Wasserburg Kapellendorf, einer von drei Enklaven, die zu Erfurt gehören, aber doch weit hinter den Stadtgrenzen liegen. So fährt man nach Kapellendorf gut 40 Minuten ins Weimarer Land hinein, aber es lohnt sich. Das wissen nicht nur Burgenfans oder Militärhistoriker.
Auch Theaterfreunden ist Kapellendorf ein Begriff, ebenso wie Liebhabern irdenen Geschirrs, die sich an Töpferware abseits der Massenproduktion erfreuen wollen.

Aber auch architektonisch hat die Burg im Weimarer Land, die Eigentum der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten ist, einiges zu bieten. „Sie ist nicht nur eine der am besten erhaltenen Wasserburgen Thüringens, sondern auch die größte. Das war allerdings nicht immer so. Ob Türme, Wehrmauern, Wassergraben, Wirtschafts- und Wohnbauten – die mittelalterliche Anlage ist gut erhalten“, erzählt Marie Linz, die uns mit auf einen mittelalterlichen Wehrgang nimmt.
Burg in der Burg
Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Anlage. Als die Festung im 12. Jahrhundert begründet wurde, nahm sie kaum die Hälfte der heutigen Fläche ein. Ein Modell in der Dauerausstellung zeigt das sehr deutlich. Aber auch aufmerksame Beobachter sehen an den alten Begrenzungsmauern, dass die „Burg in der Burg“ deutlich kleiner war“. Wer durch das Tor tritt – das sich übrigens früher an ganz anderer Stelle befand – blickt fasziniert auf den Rauchfang der Küche aus dem 15. Jahrhundert, die sich nicht in den Tiefen des Palas‘, sondern außen befindet.


18 Meter ist der Rauchfang hoch und sorgt regelmäßig für Staunen, ebenso wie das große Loch im flachen Mauerwerk, das keinen alten Brunnen, sondern den Standort des alten Bergfriedes kennzeichnet. Der Turmstumpf hat einen Durchmesser von ca. 8 Metern.

Bis 1348 gehörte die Burg den Herren von Kirchberg, die ihr Anwesen aufgrund von Finanznöten zum Verkauf anboten. Die Erfurter Stadtväter griffen gern zu. Der Ort war gewachsen, die Burg lag günstig in der Nähe der Kupferstraße. Und auch die Via Regia war nicht weit. Zudem konnten sie nun eigene Münzen prägen. Viele lukrative Gründe, die dafür sprachen, das kleine Kapellendorf Erfurt einzuverleiben.

Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen wurden angestoßen, die sich bald rentierten. Rechnungen belegen, dass die Anlage im 14. und 15. Jahrhundert um mehr als die Hälfte vergrößert wurde. Der alte Burggraben wurde zugeschüttet, ein neuer angelegt. Damals entstanden die sogenannte Kemenate – ein neuer Wohnbau, gewaltige Wehrmauern und neue Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Später zog ein Justiz- und Rentamt in die Burg. Hier, wo sich heute das Büro der Kuratorin befindet, kassierten Beamte Steuern und Abgaben der Bauern der umliegenden Dörfer.

„Auch der Eingang zur Burg wurde verlegt, vermutlich um 1650. So war es wohl praktischer. Damals entstand der Gebäudeflügel des Justiz- und Rentamtes“, weiß Marie Linz. „Der Zugang zur Burg befand sind ursprünglich an der Südostseite der Burg. Über eine Zugbrücke aus Holz konnte man den Wassergraben überqueren.“ Wer genau hinschaut, kann das alte Eingangsportal auf der Grabenseite noch erkennen. Und auch in den modernen Toilettenanlagen gibt es Anzeichen der alten Toranlage.
Raubritter
Viele Sagen ranken sich um die Wasserburg. Hier soll ein Abt einen goldenen Sarg versteckt haben. Geheimgänge sollen die Burg mit der Kirche verbinden. „Nichts davon wurde bisher gefunden“, sagt Marie Linz, die sich der Faszination der Geschichten dennoch nicht entziehen kann. „Das zeigt, dass die Kapellendorfer ihre Burg lieben, sich eng mit ihr verbunden fühlen“, sagt sie, hat aber auch noch eine Geschichte parat, die der Anlage den Beinamen „Raubritterburg“ einbrachte. Apel Vitztum zu Roßla hatte 1451 eine burgundische Gesellschaft auf dem Weg nach Sachsen überfallen und verschanzte sich mit seinen Gefangenen in Kapellendorf. Acht Wochen soll es gedauert haben, bis man die Gefangenen befreien konnte.
In den Schlachten um Jena-Auerstedt rückte die Burg 1806 erneut ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Damals diente sie als Hauptlager der preußischen Truppen. Die unrühmliche Niederlage der Preußen wird regelmäßig von Freizeit-Soldaten nachgestellt, die sich hier zum historischen Biwak einfinden, um der Doppelschlacht zu gedenken. „Auch das ist Geschichte, auch das gehört zu Kapellendorf“, sagt Marie Linz, die sich freut, dass die Burg aber auch viele neuzeitliche Freunde hat – zum Beispiel Theaterfreunde oder Liebhaber ausgefallener Töpferware.


Das Burghoftheater ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Im Juli und August spielt die Kurz & Kleinkunstbühne aus Jena regelmäßig in der Anlage. Und auch zur Langen Nacht der Museen öffnet die Burg regelmäßig ihre Pforten. Hoffen wir, dass nächstes Jahr wieder Normalität einkehrt und die Burg viele Besucher mit ihrem Flair verzaubern kann.
Mehr zur Burg Kapellendorf gibt es hier.