Steigerwaldstadion einmal anders: Football statt Fußball

in
Allgemein

Wenn in Erfurt vom Steigerwaldstadion die Rede ist, denken die meisten an Fußball, an Rot-Weiß, an Flutlicht und volle Ränge. Bereits dreimal jedoch seit 2018 war etwas anders: Dann flog kein runder Ball über den Rasen, sondern ein ovales Ei. Dann hieß es nicht „Tor!“, sondern „First Down!“ – und das Stadion wurde zur Football-Arena.

Diese seltenen Heimspiele sind für die Indigos, den Erfurter American Football Club, etwas Besonderes. 2018 feierten sie hier ihr Jubiläumsspiel vor mehr als 3.500 Zuschauern – Rekordkulisse und echtes Gänsehautmomente. 2023 und zuletzt 2025 kamen jeweils rund 2.000 Fans. Für einen Verein, dessen eigentliche Heimat der Sportplatz an der Essener Straße ist, ist das Steigerwaldstadion die große Bühne.

Am 13. Juni 2026 um 15 Uhr folgt das nächste Kapitel: Gegner sind die Berlin Adler, eines der traditionsreichsten Teams Deutschlands. Und wieder soll das Stadion zum Treffpunkt für Footballfans, Familien und Neugierige werden – mit American-Style-Catering, Cheerleadern, Marching Band und dem typischen Mix aus Thüringer Bratwurst und Burgerduft.

Gegründet wurden die Indigos am 29. Mai 2008 – zunächst als Abteilung beim SSV Erfurt Nord. Initiator war Frank Becker, ehemaliger Running Back der Dresden Monarchs. In Thüringen gab es damals nur ein Team in Jena. Becker wollte den Sport auch in der Landeshauptstadt etablieren – und begann, Mitstreiter zu suchen.

Der Name „Indigos“ ist eine bewusste Hommage an Erfurt: Der Färberwaid, einst Grundlage des städtischen Reichtums, wurde auch „deutsches Indigo“ genannt. So verbindet der Verein amerikanischen Sport mit Erfurter Geschichte.

Seit 2018 sind die Indigos eigenständig als American Football Club Erfurt Indigos e. V. organisiert. Rund 230 Mitglieder zählt der Verein heute – Herren, Damen, Jugend und Flag-Teams (Flag? Wird weiter unten erklärt). Alles läuft ehrenamtlich: Training, Organisation, Spieltage.

Wie sehr der Sport Menschen packt, zeigen die Geschichten der Verantwortlichen. Headcoach Lucas Fischer (36) kam eher zufällig zum Football. Während seines Studiums in Erfurt wurde in seiner Wohnung die Dusche ausgebaut – Wasserschaden. Er brauchte dringend eine Alternative zum Duschen und schloss sich einem Studienfreund an, der bei den Indigos trainierte. „Ich wollte eigentlich nur trainieren, um duschen zu können“, erzählt er lachend. Aus der pragmatischen Lösung wurde Leidenschaft: Er spielte zehn Jahre, coachte Jugend- und Damenteams, ist heute Cheftrainer – und verbringt von April bis August fast jede freie Minute auf dem Platz. Auch Alexander Wyrfel (41), heute zweiter Vorsitzender, fand über Begeisterung zum Sport. Er sah erste Spiele im Fernsehen, tauchte immer tiefer ein – und blieb. Als langjähriger Fan der New York Jets weiß er, was Leidensfähigkeit bedeutet. Doch genau dieses Mitfiebern, dieses Gemeinschaftsgefühl, habe ihn überzeugt.

Football wirkt komplex, lässt sich aber einfach erklären: Die angreifende Mannschaft hat vier Versuche, um mindestens zehn Yards Raumgewinn zu erzielen. Gelingt das, gibt es vier neue Versuche. Ziel ist die Endzone – der Touchdown bringt die meisten Punkte.

 

Jeder Spielzug ist geplant. Coaches können nach jedem Versuch neu anpassen. Für Lucas ist Football deshalb „ein dynamisches Schachspiel“. Anders als im Fußball kann niemand allein gewinnen. Quarterback, Offensive Line, Receiver – alle sind voneinander abhängig. Ohne Blocker hat selbst der beste Spielmacher keine Chance.

Beim klassischen Tackle-Football endet der Spielzug, wenn der Ballträger zu Boden gebracht wird. Helm und Pads schützen dabei Kopf und Oberkörper.

Beim Flag-Football – der kontaktarmen Variante – trägt jeder Spieler einen Gürtel mit zwei Flaggen. Wird eine Flagge gezogen, ist der Spielzug vorbei. Kein Tackling, weniger Körperkontakt. Diese Variante wächst stark und wird 2028 olympisch. Auch in Erfurt ist Flag besonders im Jugendbereich beliebt.

Football bietet Platz für unterschiedliche Typen: kräftige Linemen, schnelle Receiver, taktisch denkende Spielmacher. Gerade Spieler, die sich in anderen Sportarten körperlich „nicht passend“ fühlten, erleben hier Wertschätzung. Auch ein Damenteam gehört längst dazu.

Wenn die Indigos im Steigerwaldstadion einlaufen, ist das mehr als ein Heimspiel. Der Tunnel, die Tribünen, die Atmosphäre – „so heiß waren wir selten vor einem Spiel“, erinnert sich Lucas an das erste Stadionerlebnis.

Und genau das soll auch am 13. Juni 2026 wieder spürbar werden. Wenn die Berlin Adler anreisen, wird das Stadion erneut zeigen, dass es mehr sein kann als Fußballkulisse: eine Bühne für Teamgeist, Taktik und ein großes Sportfest.

Denn egal ob Lederball oder Ei – am Ende geht es um dasselbe: Menschen kommen zusammen, fiebern mit und erleben gemeinsam einen besonderen Nachmittag im Steigerwaldstadion.

 

Ivo Dierbach (Text) Steve Bauerschmidt, Ivo Dierbach (Fotos)

Kontakt:
American Football Club Erfurt Indigos e.V.
Bürgermeister-Karst-Gasse 2
99095 Erfurt

www.erfurt-indigos.com

Tags :

Weiteres zum Thema: