„Lasst von Tonne zu Tonne uns eilen. Wir wollen den Müll in den Abfall teilen.“
Die Beschreibung dieses Berufsbildes stammt von Heinz Erhardt. Ich, Reporter beim SWE Journal, habe es einen Tag lang ausprobiert.
Die erste Tonne kippt mir gleich um. Der Inhalt landet nicht im Müllauto, sondern auf dem Asphalt. Also kommen Besen und Schaufel zum Einsatz und der Verkehr im Wermutmühlenweg muss hinter dem 26-Tonner einen Moment länger warten. Danach klappt es besser. Die nächsten Tonnen landen dort, wo sie hingehören – oben an der Schüttvorrichtung, damit der Abfall in den Laderaum rutscht.
Doch schon an diesem sonnigen Morgen Ende Februar wird mir klar: Hausmüllabfuhr ist Akkordarbeit. Mehrere hundert Tonnen müssen meine Kollegen Steve Fink und Viktor Serebrjakow von ihren Standplätzen holen, in die Kippvorrichtung einhängen, hochziehen lassen und – nachdem der Inhalt im Laderaum verschwunden ist – wieder zurückstellen.
Das Team – zu dem auch Fahrer Thomas Hoffmann gehört – ist eingespielt und fast immer in dieser Besetzung auf Erfurts Straßen unterwegs. Gearbeitet wird meist schweigend. Die Kommunikation beschränkt sich auf kurze Zurufe: „Ich nehme die!“, „Drück mal den Knopf!“ oder einfach „Achtung!“. Die Maulfaulheit hat ihren Grund. Die tägliche Entleerung der Mülltonnen verlangt Konzentration. Vorschriften zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, Straßenverkehrsrecht, Betriebsanweisungen und Vorgaben der Unfallversicherung lassen wenig Raum für Nachlässigkeit.
Die Lust an der Arbeit steht und fällt mit dem Wetter. „Vor ein paar Wochen war es richtig schlimm“, sagt Steve. Anfang Februar war die Stadt zugeschneit, der Winterdienst hatte halbmeterhohe Wälle vor den Tonnen aufgeschoben. Trotzdem mussten die gefüllten Behälter und teils mehrere hundert Kilo schweren 1,1-Kubikmeter-Container an den Wagen gebracht werden. Für mich ist das schwer vorstellbar. Schon zu zweit und bei wolkenlosem, trockenem Wetter kostet es viel Kraft, die größten Tonnen etwa über Bordsteine zu heben.
Inzwischen laufen wir hinter dem Fahrzeug durch die enge Tiergartenstraße. Einige Anwohner grüßen freundlich und wundern sich über den Fotografen. Des Rätsels Lösung halte er gerade in der Hand, sage ich. Der Mann hat das neue SWE Journal aus dem Briefkasten gezogen. Die Tour hier komme in der nächsten Ausgabe vor. „Dachte ich mir schon!“, antwortet er prompt.
Immer wieder warten Anlieger auf die Müllabfuhr. Einer reißt mir die Tonne fast aus der Hand. Er will helfen und bedankt sich für die Leerung.
Steve und Viktor arbeiten sich Tonne für Tonne vor. Je voller der Laderaum wird, desto intensiver wird der leicht muffige Geruch, der aus dem Fahrzeug strömt. Vielleicht liegt es auch daran, dass es inzwischen wärmer geworden ist. Angenehm dagegen ist die Fahrt hinten auf dem Müllwagen. Die Plattform ist mit einem Sensor verbunden, der Thomas daran hindert, schneller als 30 Stundenkilometer zu fahren, solange jemand darauf steht. Trotzdem weht mir ein ordentlicher Luftzug um die Nase – und einmal muss ich die Haltegriffe fester packen. Wegen des langen Überstands hinten hüpfe ich bei einem Schlagloch kurz auf meinem Podest. Doch auch hier zeigt sich: Das Trio kennt sein Revier. Thomas weiß genau, wo er besonders vorsichtig fahren muss.
Im Reiherweg holen wir die ganz großen Tonnen aus ihren Einhausungen. Steve erzählt, was ihn manchmal ärgert: „Wenn Autos so dicht auffahren, dass wir kaum Platz haben, die Tonnen einzuhängen.“ Oder wenn besonders Eilige versuchen, sich am Müllwagen vorbeizuquetschen, obwohl eigentlich kein Platz ist. Heute aber bleibt alles ruhig und rücksichtsvoll.
Schließlich ist der Wagen voll. Wir fahren im Führerhaus zur Restabfallbehandlungsanlage in der Schwerborner Straße. In einer der großen Hallen öffnet Thomas das Heck und stellt es schräg. Der mühsam eingesammelte Müll rutscht heraus und auf den Boden. Kein schöner Anblick, kein schöner Geruch. Aber man gewöhnt sich daran. Zwei- bis dreimal pro Schicht steuert das Trio die Halle an. Gegen 15 Uhr ist dann Feierabend. Bis morgen.
