„Durch dieses Leuchtturmprojekt wird die Quote Erneuerbarer Energien bei Wärme von derzeit 5 auf 30 Prozent bis 2030 ansteigen. Es ist das erste Projekt aus dem Transformationsplan, das die Stadtwerke Erfurt jetzt angesichts der geringsten Wärmegestehungskosten angehen.“
Dr. Jörn Grothe, Geschäftsführer SWE Energie GmbH
Wer hätte gedacht, dass das, was die Erfurter so alles an Abwasser einleiten oder was der Regen in die Abwasserkanäle spült, richtig kostbar ist. Oder genauer: als Abfallprodukt viele Tausend Haushalte der Landeshauptstadt mit wohliger Wärme versorgen könnte.
Der Erfurter Entwässerungsbetrieb und die SWE Energie GmbH, eine Tochter der Stadtwerke Erfurt Gruppe, arbeiten gemeinsam an einem Verfahren, aus der gewaltigen Menge Energie, die in einem Klärwerk steckt, Wärme für Tausende Erfurter Haushalte abzuzwacken. Und zwar richtig viel Wärme. Doch von Anfang an.
In Erfurt-Kühnhausen steht ein Klärwerk, in dem die Abwässer von Haushalten und Betrieben, aber auch ein großer Teil des Regenwassers mechanisch, biologisch und chemisch behandelt werden. Was vorne dreckig reingeht, kommt hinten zu fast 100 Prozent gereinigt wieder raus und fließt in die Gera. 15 Millionen Kubikmeter Abwasser werden hier Jahr für Jahr wieder sauber. Und genau dieses gereinigte Wasser hat’s in sich. Nämlich Energie Im Schnitt hat es auf dem Weg in den Fluss eine Temperatur von 17,5 °C. „Nach unseren Planungen wollen wir es um bis zu 7 °C abkühlen“, sagt Florian Zunkel, Referent für Erneuerbare Energien der SWE Energie GmbH. „Technisch ist das gar kein Problem“, sagt Christoph Müller, im Klärwerk für Energie- und Verfahrenstechnik zuständig. „Die Fernwärmeerzeugung muss gemäß Wärmeplanungsgesetz bis 2045 klimaneutral sein, wir analysieren alles, was uns diesem Ziel näherbringt“, sagt Florian Zunkel. Mit dabei – das Klärwerk. Ein Student hatte, unterstützt von der Erfurter Fachhochschule, in seiner Bachelor-Arbeit berechnet, wie viel Energie in dem Abwasser steckt. Ergebnis: So viel, dass es sich lohnt, diese Energie für die Wärmegewinnung zu nutzen. „Viel mehr, als man bisher annahm“, sagt Florian Zunkel. 2025 wurde dann ein Planungsbüro mit einer Studie beauftragt, dieses Potential detaillierter zu simulieren. Und siehe da, die Zahlen sahen noch vielversprechender aus.
Das Ergebnis: Die Wärme aus dem Klärwerk ist ein großer Schritt zur Klimaneutralität. Bis zu 30 Prozent der benötigten Energie für die Erfurter Fernwärmekunden könnten aus Kühnhausen kommen. „Und die Anlage könnte das ganze Jahr über laufen, 24 Stunden, jeden Tag“, sagt Zunkel. 2030, so das Ziel, soll alles in Betrieb gehen. Das Prinzip ist einfach: Der Kanal, durch den das gereinigte Abwasser in die Gera fließt, bekommt eine Art Bypass, der das Wasser in einen großen Schacht leitet. Dort entnehmen Tauchpumpen das Wasser und leiten es zu den Wärmepumpen. Diese ziehen die Wärme aus dem Wasser und heben das Temperaturniveau auf 95 bis 110 °C wie im Fernwärmekreislauf der SWE Energie GmbH an. Die Wärmepumpen arbeiten wie ein Kühlschrank: Die Wärme im Inneren (hier die Wärme des gereinigten Abwassers) wird entzogen und außerhalb freigegeben (in das Fernwärmenetz eingespeist). Der Strom, den die Wärmepumpen benötigen, könnte unter anderem lokal per Windkraft erzeugt werden. 750 Gigawattstunden speist die Erfurts Energieversorger pro Jahr ins 195 Kilometer lange Fernwärmenetz und versorgt damit zurzeit rund 40.000 Haushalte. Bis zu 225 Gigawattstunden könnten aus dem Erfurter Abwasser erzeugt werden. Allerdings nicht gleichmäßig – zum Beispiel sorgen Starkregen, Hitze, eisige Kälte und andere Wetterkapriolen für eine unterschiedliche Wärmeausbeute „Und wir haben die Auflage durch das Umweltamt, dass das Wasser nur um wenige Grad abgekühlt werden darf, um das Ökosystem der Gera zu schonen“, sagt Florian Zunkel.
Fotos: Jacob Schröter

