Immer wieder bleiben Passanten auf der Brücke stehen und blicken hinab auf das Papiermühlenwehr. Auf einer Länge von mehr als 20 Metern stürzt das Wasser der Gera hier rund drei Meter tief in den Flutgraben. Das stetige Rauschen ist allgegenwärtig. „Der Wasserstand der Gera ist wieder einmal zu niedrig“, sagt Matthias Hartmann, Wasserwirtschaftskoordinator im Umweltamt Erfurt. „Der Fluss führt aktuell mit etwa 2,0 Kubikmeter je Sekunde nur etwa ein Viertel so viel Wasser, wie es die langjährigen Aufzeichnungen für den Monat März erwarten lassen.“
Das Papiermühlenwehr neben dem Dreienbrunnenbad im Süden der Stadt ist heute ein zentrales Bauwerk des Erfurter Hochwasserschutzes – doch das war nicht immer so. An dieser Stelle entstand 1133 die Papiermühle, historisch auch Wawetmühle genannt. 1393 wurde das erste Papierwehr errichtet, zunächst ausschließlich als Stauanlage, um die Papiermühle und zahlreiche weitere Betriebe über den sogenannten Bergstrom – damals auch Oberlache genannt – zuverlässig mit Wasser zu versorgen. Die wasserreiche Gera und das ausgeklügelte System aus Mühlgräben machten Erfurt im 16. Jahrhundert mit 52 Mühlen zur mühlenreichsten und damit auch zu einer der wohlhabendsten Städte Deutschlands. Doch der Reichtum hatte seinen Preis: Die Gera, die auf ihrem 90 Kilometer langen Weg aus dem Thüringer Wald zahlreiche Nebenflüsse aufnimmt, brachte immer wieder verheerende Hochwasser. Schon 1394 wurde zwischen dem Brühler Tor und dem Pförtchen ein bis zu acht Meter hoher Schutzwall errichtet. Dennoch kam es 1491 und 1585 zu schweren Überschwemmungen. Erst im 19. Jahrhundert gelang eine dauerhafte Lösung. Zwischen 1890 und 1898 ließ die Stadt den ehemaligen Festungsgraben zu einem Hochwasserableiter umbauen, der die Wassermassen um die Innenstadt herumführt – den heutigen Flutgraben. Gleichzeitig wurde das Papierwehr zu einer Schützenanlage umgebaut, die seither die Wasserverteilung zwischen Innenstadt und Flutgraben regelt. Über ein Jahrhundert funktionierte dieses Konzept zuverlässig. Selbst das Hochwasser von 1994 konnte – wenn auch knapp – an der Innenstadt vorbeigeleitet werden. Damals strömten rund 220 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch den Flutgraben, der Pegel stand nur wenige Zentimeter unterhalb der Brücken an Leipziger Platz und Kaffeetrichter. Um Überflutungen zu verhindern, mussten Helfer den Einlauf des Bergstroms notdürftig mit Sandsäcken abdichten. Die Erfurter Vororte Bischleben und Hochheim blieben jedoch tagelang überflutet.
Diese Ereignisse führten zum Bau des Bergstromwehres, das seither gemeinsam mit dem Papierwehr die Regulierung der städtischen Gewässer übernimmt – nicht nur bei Hochwasser, sondern auch im Normalbetrieb. Untersuchungen zeigten, dass das alte Papierwehr einem künftigen 100-jährigen Hochwasser nicht mehr standgehalten hätte. Deshalb wurde es umfassend modernisiert: Die Wehrsohle wurde um 1,5 Meter abgesenkt und das Flussbett der Gera auf 300 Metern oberhalb des Wehres vertieft. Anstelle der früheren vier Wehrverschlüsse gibt es nun drei jeweils 10 Meter breite und 2,8 Meter hohe Wehrfelder. Nach rund dreieinhalb Jahren Bauzeit und Investitionen von 13,9 Millionen Euro ging die neue Anlage im Mai 2025 in Betrieb.
„Hochwasserschutz bleibt ein aktuelles Thema“, sagt Hartmann und zeigt auf den unscheinbaren Durchlass am Luisenpark – das Bergstromwehr. „Hier zweigt der Bergstrom ab, der die innerstädtischen Flussarme Walkstrom, Breitstrom und Schmale Gera speist.“ Bei Hochwasser dürfen dort maximal sechs Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Innenstadt gelangen; der Rest wird über das Papierwehr in den Flutgraben abgeleitet. Das Zusammenspiel beider Wehre erfolgt automatisch: Eine bewegliche Fischbauklappe am Papierwehr reguliert den Wasserstand und damit den Zufluss in den Bergstrom. Wird mehr Wasser zugeführt, als die Klappe ausgleichen kann, öffnen sich nacheinander die drei Wehrtafeln, um überschüssige Wassermassen in den Flutgraben zu leiten. Nach Abklingen des Hochwassers senkt die Steuerung die Tafeln wieder ab. Für den Notfall verfügt die Anlage über eine Notstromeinspeisung und manuelle Handkurbeln.
Zunehmend problematisch ist jedoch nicht zu viel, sondern zu wenig Wasser. „Durch die zunehmende Trockenheit werden wir künftig öfter mit Niedrigwasser zu tun haben“, erklärt Hartmann. Dann reicht die Wassermenge aus der Gera womöglich nicht mehr aus, um sowohl Flutgraben als auch Innenstadtgewässer zu versorgen. Als die Planung des neuen Wehrs vor mehr als zehn Jahren begann, war diese Entwicklung noch kaum absehbar. Heute gilt: Vorrang hat die Versorgung der innerstädtischen Fließgewässer, weil sie in heißen Sommern zur Abkühlung des Stadtklimas beitragen. Im Extremfall könnte der Flutgraben zeitweise trockenfallen – ein ökologisches Problem, wenn das während der Laichzeit der Fische geschieht.
Auch an die Fischwelt wurde beim Umbau gedacht. Eine große Fischaufstiegsanlage – im Volksmund „Fischtreppe“ genannt – macht das Wehr für Fische und andere Wasserlebewesen passierbar. Laut Genehmigung müssen dauerhaft rund 500 Liter Wasser pro Sekunde durch diese Anlage fließen. Doch bei Niedrigwasser kann das kritisch werden. „In diesem Sommer kamen zeitweise nur etwa 750 Liter pro Sekunde in Erfurt an“, berichtet Hartmann. „Da blieben für die Innenstadt nur 250 Liter – eindeutig zu wenig.“
Eine einfache Lösung gibt es bislang nicht. „Wir arbeiten daran, gemeinsam mit dem Gewässerunterhaltungsverband Gera/Gramme die empfindlichen Innenstadtgewässer schrittweise an die Folgen des Klimawandels anzupassen“, so Hartmann. Denn das neue Papierwehr ist zwar technisch auf Hochwasser vorbereitet – doch die Herausforderungen der Zukunft liegen längst auch im Umgang mit dem Wasser, das fehlt.
Matthias Thüsing (Text) Steve Bauerschmidt (Fotos)

