Als Orientierungskompass in der Bücherflut hat sich Denis Scheck bewährt. Seit elf Jahren ist die Erfurter Herbstlese ein fester Termin in seinem Kalender. Eine der Veranstaltungen, die immer wieder ganz schnell ausverkauft ist: die Reise mit dem Autor und Literaturkritiker durch die literarische Welt. Marie Neubauer bloggt für uns und war beim Herbstlese-Abschluss im Theater Erfurt dabei.

Jedes Jahr strömen etwa 90.000 Neuerscheinungen auf den deutschen Buchmarkt. Gemäß dem Motto „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ ist für jeden Geschmack etwas dabei: Sachbücher, Romane, Krimis oder Lyrikbände. Diese Masse an Literatur stellt den Käufer jedoch vor die Herausforderung: Welches dieser unzähligen Bücher macht mir Spaß zu lesen?

Denis Scheck – Literaturkritiker, selbst Autor und Journalist – möchte in dieser Flut Orientierungstipps geben. In seiner Sendung „druckfrisch“ im Ersten Deutschen Fernsehen oder auf seiner Tour quer durch Deutschland zeigt er seine Literatur-Highlights des Jahres und stellt diverse Buchpreis-Gewinne vor. Einen Pflichtstopp macht er jedes Jahr im Dezember in Erfurt.

Dort beendet er die Herbstlese-Saison – in diesem Jahr bereits zum elften Mal. Doch nicht nur im Herbstlese-Kalender ist er ein fester Termin, auch bei mir ist er eine feste Größe (bereits zum vierten Mal) im Terminplaner. Dann sitze ich im Theater mit meinem Stift in der Hand, lausche gespannt seinen Ausführungen und mache mir Notizen zu seinen Buchempfehlungen.

Den Abend beginnt Scheck jedoch erstmal mit nicht empfehlenswerter Literatur. Die steht in seinem „Doofel-Regal“. In diesem Jahr kamen Daniela Katzenbergers Buch „Eine Tussi sagt Ja“, der Mondkalender und Carsten Maschmeyers „Die Millionärs-Formel“ hinzu. Zwei davon sind Bücher, die auf den Bestseller-Listen ganz weit oben (warum auch immer) stehen. Neben der Wahl der Farbe des Biedermeier-Brautstraußes oder dem optimalen Termin zum Streichen der Hauswand geben sie inhaltlich aber nicht viel her.

Scheck will damit zeigen, dass Bestseller nicht automatisch für guten Inhalt sprechen. Es sind nicht immer die Bestseller-Listen, die die besten Bücher zeigen, sondern eher Literaturpreise. Da ist zum Beispiel der wichtigste deutsche Preis: der Georg-Büchner-Preis. Dieser wurde in diesem Jahr an Marcel Beyer für seinen Gedichtband „Erdkunde“ verliehen. Oder der Preis der Leipziger Buchmesse, der an die Dorfchronik „Frohburg“ von Guntram Vesper ging.

Der wohl bekannteste internationale Preis ist der Literaturnobelpreis. Dieser ging an den Sänger und Songwriter Bob Dylan. Eine Entscheidung, die Scheck nicht ganz verstehen kann. Zwar mag er Dylan, aber Songtexte mit einem Literaturnobelpreis zu ehren, empfindet er als überflüssig. Wirken die Texte – Lyrics – doch erst im Einklang mit Instrumenten und Melodie.

Insgesamt 30 Bücher stellt der 52-jährige Scheck an diesem Abend vor. Darunter ist auch der Asterix-Comic „Der Papyrus des Cäsar“ (Egmont) – ein altersloser Klassiker. Sein persönliches Highlight des Jahres ist Christoph Ransmayrs Buch „Cox“. Ein Roman über einen Uhrmacher, der für den chinesischen Kaiser außergewöhnliche Uhren herstellen soll. Zum Beispiel eine Uhr, mit dem Zeitempfinden eines spielenden Kindes oder eine mit dem Zeitempfinden eines zu Tode Verurteilten.

Tipps, Empfehlungen und Orientierungshilfen hat er an dem Abend viele. Der Literaturkritiker gibt uns aber trotzdem mit auf den Weg: „Lassen Sie sich nie ein Buch aufschwatzen, entwickeln Sie ihren eigenen literarischen Geschmack!“

Eineinhalb Stunden redet Scheck ohne Pause. Vor so einem Durchhaltevermögen habe ich echt Respekt. Mir schwirrt nach diesem Abend zwar der Kopf, doch bin ich um einige Eindrücke und Weihnachtswünsche reicher. Unter anderem werde ich der Empfehlung zu Heinz Strunks Buch „Der Goldene Handschuh“ folgen. In dieser Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basiert, erzählt der Autor, wie der Mörder Fritz Honka zu dem wird, was er ist.

Gespannt sein können wir auf mehr aus dem Hause Scheck. Sein 7-jähriger Jack-Russel-Terrier Stubbs arbeitet gerade an seinem eigenen Roman. Er müsste nur mal Zeit zum Schreiben finden …

Und hier ist die heiß begehrte Literaturliste von Denis Scheck:

  • Asterix: Der Papyrus des Cäsar (Egmont)
  • Beyer, Marcel: Erdkunde (DuMont)
  • Burke, James Lee: Neonregen (Pendragon); Regengötter (Heyne, Hardcore)
  • D’Aprix Sweeney, Cynthias: Das Nest (Klett-Cotta)
  • de Waal, Edmund: Die weiße Straße (Zsolnay)
  • Dorn, Thea: Die Unglückseligen (Knaus)
  • Dylan, Bob: Lyrics (Reclam)
  • Ferrante, Elena: L’aminca geniale (Suhrkamp)
  • Fischer, Thomas: Im Recht (Droemer)
  • Fink, Joseph & Jeffrey Cranor: Willkommen in Night Vale (Klett)
  • Kirchhoff, Bodo: Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt)
  • Klink, Vincent: Ein Bauch spaziert durch Paris (Rowohlt)
  • Kracht, Christian: Die Toten (Kiwi)
  • Lange-Müller, Katja: Drehtür (Kiwi)
  • Lewitscharoff, Sibylle: Das Pfingstwunder (Suhrkamp)
  • Manotti, Dominique: Schwarzes Gold (Ariadne)
  • Mosebach, Martin: Mogador (Rowohlt)
  • Pollock, Donald Ray: Die himmlische Tafel (Liebeskind)
  • Ransmayr, Christoph: Cox (S. Fischer)
  • Schrott, Raoul: Erste Erde Epos (Hanser)
  • Slater, Nigel: Ein Jahr lang gut essen (DuMont)
  • Steinfest, Heinrich: Vom Leben und Sterben der Flugzeuge (Piper)
  • Stephenson, Neal: Amalthea (Manhattan)
  • Strunk, Heinz: Der goldene Handschuh (Rowohlt)
  • Toibin, Colm: Nora Webster (Hanser)
  • Vance, Jack: Der azurne Planet (Edition Andreas Irle)
  • Vargas, Fred: Das barmherzige Fallbeil (Limes)
  • Vesper, Guntram: Frohburg (Schöffling & Co)
  • von Doderer, Heimito: Die Merowinger. Neuausgabe mit Nachwort von D. Scheck (C.H. Beck)
  • Wagner, Jan: Selbstporträt mit Bienenschwarm (Hanser Berlin)
  • Zwagerman, Joost: Duell (Weidle Verlag)

 

Text: Marie Neubauer
Foto: Holger John