Dieser See könnte Erfurt heizen

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Sonderjournal Energiewende

Ein See als Wärmelieferant? Klingt erst einmal etwas ungewöhnlich, denn wie sollen die eher kühlen Temperaturen des Wassers ausreichen, um Erfurter Wohnungen zu heizen?

Und doch, es könnte funktionieren. Denn in einem See kann erstaunlich viel Energie stecken, er selber ist so etwas wie ein gigantischer Wärmespeicher. Und genau diese Energie rückte den Sulzer See im Nordosten der Landeshauptstadt in den Fokus der Stadtwerke Energie: als eine mögliche Wärmequelle für eine neue, nachhaltige Form der Fernwärme in Erfurt. Das Grundprinzip ist einfach: Man entnimmt dem Seewasser „schlückchenweise“ Energie, bringt sie mit einer mit regenerativem Strom betriebenen Wärmepumpe auf ein höheres Temperaturniveau – bereit, um ins Fernwärmenetz der Stadt eingespeist zu werden. Das (leicht) abgekühlte Wasser wird dann wieder dem See zugeführt.

Der Sulzer See ist kein natürlicher See, sondern durch Kiesabbau entstanden. Er umfasst rund 630.000 Quadratmeter und ist im Hauptbereich bis zu zehn Meter tief. Besonders interessant ist seine Lage innerhalb eines Seensystems nördlich von Erfurt. Die Erfurter Seen sind nach jetzigem Wissensstand über einen sogenannten Aquifer miteinander verbunden – eine wasserführende Schicht im Untergrund. Diese Grundwasserströmung verläuft von Süden nach Norden. Das heißt: Wird Wärme entnommen, fließt ständig neue Wärme nach – rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. Messungen am Sulzer See zeigen deutliche jahreszeitliche Schwankungen. Am Seegrund werden im Winter die höchsten Temperaturen von etwa 3,5 bis 4 Grad Celsius gemessen, im Sommer erreicht das Oberflächenwasser bis zu 24 Grad. Diese Daten stammen aus einem einjährigen Monitoring mit mehreren Messstellen. Eine nachhaltige Nutzung setzt jedoch Grenzen: der See darf nur auf ein bestimmtes Maß abgekühlt werden. Andernfalls könnte es zu unerwünschten Auswirkungen auf Fauna und Flora kommen. Dies bedeutet beispielsweise, dass im Winter bei einer Seetemperatur von 4 Grad die Nutzung ausgesetzt werden muss.

Nach heutigen Einschätzungen könnte der See rund zehn Monate im Jahr als Wärmequelle dienen – insbesondere in Übergangszeiten und im Sommer. Rechnerisch ergeben sich daraus hohe Nutzungszeiten von über 7.000 Stunden pro Jahr. Mehrere tausend Wohnungen könnten aus dem See ihre Wärme beziehen. Doch ob und wie der Sulzer See je dafür genutzt wird, ist noch nicht in trockenen Tüchern: Umfang reiche Untersuchungen laufen, dabei geht es nicht nur um die Wirtschaftlichkeit, die technische Machbarkeit, sondern auch um die Umweltverträglichkeit. Bei der Wirtschaftlichkeit muss sicher gestellt sein, dass der Fernwärmepreis mit der aus dem See gewonnen Energie sozialverträglich bleibt. Die technische Machbarkeit ist prinzipiell gegeben, muss jedoch im Zuge von Variantenvergleichen und Planungsprozessen weiter detailliert werden. Und bei der Umweltverträglichkeit spielt das Erfurter Umweltamt eine wichtige Rolle, hier ist eine enge Zusammenarbeit Voraussetzung. Motto: Gründlichkeit vor Schnelligkeit!


Drei Varianten kämen nach bisherigen Erkenntnissen in Frage. Entweder das Wasser wird im See entnommen oder außerhalb im Bereich des oben beschriebenen Aquifers durch zwei verschiedene Varianten von Brunnen. Derzeit wird ein 3D-Modell vom Aquifer aufgebaut. Dieses dient dazu beispielsweise Grundwasserströmung und Temperaturen über viele Jahre hinweg zu simulieren, um die Nachhaltigkeit der Wärmebereitstellung abzusichern. Welche Variante zum Einsatz kommt, ist noch offen und wird gemeinsam mit Umweltbehörden geprüft. Fakt ist: die Gewinnung von Wärme aus einem Aquifer oder See ist eine weitere Möglichkeit, unabhängig von den Weltmärkten Energie umzuwandeln und zu nutzen – in Erfurt, für Erfurt.

Foto: Steve Bauerschmid

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