Über Jahrzehnte war es den Allermeisten egal, woher die Wärme für die heimische Wohnung kam – Hauptsache billig. Hat auch gut geklappt, bis auf einmal die Weltpolitik den Gashahn zudrehte. Und Heizen wurde zum Luxus.
Da war schnell klar – Abhängigkeit von irgendwelchen Mächten auf diesem Globus kann richtig teuer werden. Und einen ganz schön frieren lassen. Aber es gibt Abhilfe. Und die heißt Wärmewende. Clever umgesetzt, kann sie unsere Versorgung unabhängig machen, dauerhaft sicher und langfristig bezahlbar. Zwei Männer stehen in der thüringischen Landeshauptstadt in der Verantwortung, diese Wärmewende zum Guten zu wenden: Steffen Linnert ist Finanzdezernent und Chef der kommunalen Wärmeplanung, Dr. Jörn Grothe ist Chef der SWE Energie GmbH. Die Lösung aus der Abhängigkeit: „Wärme aus Erfurt für Erfurt. Einfache Logik dahinter: Wer Wärme selber erzeugt, mit den Ressourcen, die regional zur Verfügung stehen, zahlt nicht an andere irgendwo auf der Welt und behält die Kontrolle über Kosten und Versorgungssicherheit“, sagt Steffen Linnert.
Erfurt hat Glück. „Denn die Landeshauptstadt hat ein gut ausgebautes Fernwärmenetz der Stadtwerke, rund 48.000 Wohnungen sind angeschlossen. Sie werden rund um die Uhr mit Wärme zum allergrößten Teil aus dem Gaskraftwerk im Erfurter Nordosten versorgt“, sagt Dr. Jörn Grothe. Ein Netz, um das viele Städte im Westen der Republik Erfurt beneiden.
Bis 2045, so politische Vorgaben, soll die Wärmeerzeugung in Deutschland klimaneutral erfolgen. Also die Umstellung von fossilen Brennstoffen wie Gas auf regenerative Energien wie Wind und Sonne. Aber es gibt noch viel mehr – die Wärme tief unter der Oberfläche im Inneren der Erde, Wärme aus Abwasser, aus Seen oder die Wärme, die bei der Restabfallbeseitigung entsteht. „All das kann genutzt werden, um Wohnungen zu heizen“, sagt Dr. Grothe.
„Uns muss klar sein, dass Heizen nie mehr so billig sein wird, wie vor einigen Jahren. Die Zeit ist vorbei. Aber wir haben die Chance, zum Vorteil der Erfurterinnen und Erfurter aus der Not eine Tugend zu machen und gleichzeitig unsere Umwelt zu schützen“, sagt Steffen Linnert. „Wärme aus Erfurt für Erfurt bedeutet Unabhängigkeit, Sicherheit und Bezahlbarkeit. Und eben auch Schutz unserer Natur.“ Tag für Tag, schier unbegrenzt. „Denn Erdwärme wird’s immer geben, genauso wie die Wärme, die in den Abwässern steckt, in den Seen und auch in der Luft, die uns umgibt“, sagt Dr. Grothe. Ein weiterer gewaltiger Vorteil: Ist die Tiefengeothermie-Anlage erst einmal in Betrieb, sind die laufenden Kosten minimal. Bei Wärmepumpen ist die entnommene Energie „kostenlos“, aber der grüne Strom für den Betrieb ist im Gegensatz zur Geothermie ein Kostenfaktor. Linnert: „Die Umwelt schreibt uns keine Rechnung für die Wärme, die wir schonend entnehmen. Egal ob diese Wärme aus dem Wasser kommt, aus der Luft oder aus der Erde unter unseren Füßen.“ Dr. Grothe: „Das bedeutet hohe Planbarkeit über Jahrzehnte, es bedeutet auch eine deutlich geringere Abhängigkeit von Preisschwankungen.“
Energiekrisen wie die 2022/2023, als sich die Gaspreise vervielfachten und die Strompreise durch die Decke schossen, würden dank der grünen Energie Made in Erfurt der Vergangenheit angehören.
„Wärme aus Erfurt für
Erfurt bedeutet Unabhängigkeit“Steffen Linnert
„Ein Leuchtturmprojekt der Wärmewende ist unser Tiefengeothermieprojekt, mit dem wir bis 2045 ca. 43 Prozent der Fernwärmeerzeugung abdecken wollen“, sagt Dr. Jörn Grothe. In mehreren tausend Metern Tiefe herrschen hohe Temperaturen, die, einmal angezapft, jahrzehntelang Erfurter Haushalte günstig und zuverlässig wärmen können. In Kombination mit den verschiedenen anderen Möglichkeiten zur Nutzung regenerativer Energie bedeutet das auch maximale Versorgungssicherheit. Dass Erfurt das kann, hat die Stadt schon einmal bewiesen.
Denn die Landeshauptstadt Erfurt hat, wie der gesamte Osten der Republik, nach der Wende seine Energieerzeugung umkrempeln müssen. „Die erste Transformation der Wärmewende fand in Erfurt schon frühzeitig in den 1990er-Jahren statt. Hier wurde Energieerzeugung von Braunkohle auf Gas umgestellt und das Fernwärmenetz vor allem im Stadtzentrum ausgebaut“, sagt Dr. Jörn Grothe. Eine logistische Herausforderung, auch finanziell. Der Erfolg: Innerhalb von zehn Jahren wurden rund 600.000 Tonnen CO2 p. a. eingespart. „Und viele Erfurterinnen und Erfurter können sich noch gut daran erinnern, wie die Luft in der Stadt Schritt für Schritt sauberer wurde“, sagt Steffen Linnert. Dr. Jörn Grothe: „Jetzt steht die nächste notwendige Transformation der Wärmewende an – im Interesse unserer Umwelt und im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher, die eine sichere, grüne und vor allem auch bezahlbare Wärme brauchen.“
Von zurzeit fünf Prozent erneuerbarem Anteil auf 100 Prozent bis 2045 – das ist herausfordernd aber machbar, da sind sich Steffen Linnert und Dr. Jörn Grothe einig.
Fotos: Jacob Schröter, Andreas Hultsch

