Bevor in Erfurter Wohnzimmern die Heizkörper warm werden, hat die Wärme auf ihrem Weg oft schon viele Kilometer zurückgelegt. Was für die Bewohner schlicht ein Dreh am Thermostat ist, bedeutet für die Stadtwerke ein komplexes Zusammenspiel aus Erzeugungsanlagen, Leitungsnetzen, Regeltechnik und sorgfältiger Planung.
Die Idee der zentralen Wärmeversorgung ist keineswegs neu. Schon in der Antike nutzten die Römer das sogenannte Hypokaustum-System, um Räume gleichmäßig zu beheizen, indem sie unter Böden und hinter Wänden heiße Luft oder warmes Wasser durch Kanäle leiteten. Das älteste belegte System zur zentralen
Wärmeversorgung von Gebäuden stammt von 1334 aus Chaudes-Aigues im französischen Zentralmassiv.
In Erfurt begann die systematische Fernwärmeversorgung 1956 mit dem Umbau des Kraftwerks Gispersleben zu einem Heizkraftwerk und dem Aufbau eines Fernwärmenetzes für die Stadt. Heute sind fast 50.000 Wohnungen angeschlossen. Im Zuge der Wärmewende und der Umstellung auf klimaverträgliche Heizsysteme soll diese Zahl perspektivisch auf mehr als 70.000 steigen.
Das technische Grundprinzip der Fernwärme ist einfach, die Umsetzung jedoch anspruchsvoll. Die Wärme wird an zentralen Standorten erzeugt und anschließend über gut gedämmte Rohrleitungen durch die Stadt transportiert. Im sogenannten Vorlauf strömt heiße Fernwärme mit Temperaturen von bis zu etwa 129 Grad Celsius zu den Gebäuden, im Rücklauf fließt das abgekühlte Wasser wieder zurück zu den Erzeugungsanlagen. Perspektivisch wird die Vorlauftemperatur auf 95°C reduziert werden, um Erneuerbarer Energien effizienter betreiben zu können. Die Rohrleitungen sind wärmegedämmt und entsprechen modernen technischen Standards. In Kombination mit einer optimierten Fahrweise des Netzes werden so die unvermeidlichen Wärmeverluste auf ein technisches wie wirtschaftliches Minimum begrenzt. Das Wasser aus dem städtischen Fernwärmenetz fließt nicht durch die Heizkörper in der Wohnung. Ein Wärmeübertrager transferiert die Wärme vom Fernwärmewasser auf das Wasser des hausinternen Heizkreises, ohne dass sich beide Wasserkreisläufe vermischen. Diese Trennung schützt beide Systeme, ermöglicht unterschiedliche Drücke und Temperaturen und erhöht die Betriebssicherheit. Für Mieterinnen und Mieter bedeutet Fernwärme: keine eigenen Heizkessel, keinen Brennstofflagerraum, weniger Lärm, weniger Platzbedarf und in der Regel weniger Störanfälligkeit.
Die Bedienung bleibt für sie denkbar einfach – in der Wohnung werden nur das Thermostat am Heizkörper oder die Regelung der Fußbodenheizung eingestellt; alles andere läuft automatisch im Hintergrund. Auch Vermieter und Eigentümer profitieren, weil Wartungsaufwand, Schornsteinfegerarbeiten und sicherheitsrelevante Prüfungen für eigene Kesselanlagen entfallen. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Versorgungssicherheit. Die Erzeugungsanlagen und das Fernwärmenetz werden zentral überwacht, regelmäßig gewartet und mit Redundanzen ausgelegt. Die Versorgung kann auch dann weiterlaufen, wenn eine Anlage vorübergehend ausfällt oder zu Wartungszwecken abgeschaltet werden muss. Störungen werden frühzeitig erkannt und meist behoben, bevor es in den Haushalten überhaupt zu einem merklichen Ausfall kommt. Im Störungsfall müssen sich die Mieter nicht selbst kümmern – Zuständigkeit und Verantwortung liegen beim Versorger.
Auch die Kalkulierbarkeit der Heizkosten ist ein Argument für Fernwärme. Die Preise folgen festgelegten Preisformeln, sind transparent nachvollziehbar und sind weniger stark von kurzfristigen Schwankungen an den internationalen Öl- und Gasmärkten abhängig.
In Erfurt wird die Fernwärme von der SWE Energie GmbH, einem kommunalen Unternehmen, geliefert. Das Erfurter Fernwärmenetz umfasst rund 195 Kilometer Trassenlänge. Über Jahrzehnte wurde das Wasser in verschiedenen Kraftwerksblöcken mittels Braunkohle erhitzt. Seit 1999 übernimmt eine Gas- und Dampfturbinenanlage im Nordosten der Stadt einen großen Teil der Versorgung. Mittels Kraft-Wärme-Kopplung werden aus Erdgas gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt. Die entstehende Abwärme wird in das Fernwärmenetz eingespeist. Diese effiziente Nutzung des Brennstoffs sowie der starke Ausbau des Fernwärmenetzes vor allem im Zentrum der Stadt haben dafür gesorgt, dass die Luftschadstoffbelastung in der Landeshauptstadt spürbar gesunken ist.
Ergänzend wird die bei der thermischen Abfallbehandlung entstehende Wärme genutzt. Seit knapp einem Jahr ist zudem eine Power-to-Heat-Anlage in Betrieb. Sie wandelt überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien in Wärme um. Diese kann in geeigneten Speichern zwischengelagert und bei Bedarf in das Fernwärmenetz abgegeben werden.
Nahe Marbach speist seit 2019 eine großflächige Solarthermieanlage mit ca. 1.700 Quadratmetern Wärme ins Fernwärmenetz ein. Damit Fernwärme nicht nur ökologisch, sondern auch sozial verträglich bleibt, müssen mehrere Bedingungen erfüllt werden: bezahlbare Preise, möglichst regionale Erzeugung, verringerte Abhängigkeit vom Weltmarkt und stabile, kalkulierbare Kosten über lange Zeiträume.
Die SWE Energie GmbH setzt dabei auf einen zunehmend grünen Energiemix. Untersucht und geplant werden verschiedene erneuerbare und klimafreundliche Quellen. Dazu wird geprüft, inwieweit Wasserstoff in Zukunft eine Rolle in der Wärmeversorgung spielen kann – sei es zur Ergänzung bestehender Anlagen oder im Zusammenspiel mit neuen Technologiekonzepten. Fernwärme in Erfurt ist damit ein zentrales Infrastruktur- und Klimaschutzprojekt, das Versorgungssicherheit, Komfort und langfristige Perspektiven für eine bezahlbare, verlässliche und zunehmend klimaneutrale Wärmeversorgung verbindet. Dazu wird geprüft, inwieweit Wasserstoff in Zukunft eine Rolle in der Wärmeversorgung spielen kann – sei es zur Ergänzung bestehender Anlagen oder im Zusammenspiel mit neuen Technologiekonzepten.
Foto: Andreas Hultsch

