Der Schatz unter unseren Füßen

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Sonderjournal Energiewende

Tief unter Erfurt schlummert eine gewaltige, schier unerschöpfliche Energiequelle – Erdwärme! Die soll künftig regional, unabhängig und preisstabil Wärme für die Landeshauptstadt liefern.

Doch halt: Bodenschatz? Erdwärme? Geothermie? Was ist das eigentlich?

Vom heißen Geheimtipp zum Energie-Player der Zukunft

Geothermie (=Erdwärme) an sich ist keine neue Idee. Bereits im antiken Rom nutzten die Menschen die Wärme aus der Erde für ihre Bäder und Heizung. Im französischen Chaudes-Aigues ist seit dem 14. Jahrhundert ein geothermisches Fernwärmenetz in Betrieb. Im 20. Jahrhundert begann die Nutzung der Geothermie zur Stromerzeugung. 1984 nahm – im Rahmen der energiepolitischen Vorgaben der DDR – in Waren (Müritz) das erste deutsche Geothermieheizwerk seinen Betrieb auf und liefert seit dem Wärme für die Anwohner und öffentlichen Gebäude vor Ort. Heute sind in Deutschland 42 tiefengeothermische Anlagen im Betrieb, 20 weitere im Bau und über 150 in der Planung.

 

Kay Eberhard (links), Chef der SWE Geothermie GmbH, und Dr. Jörn Grothe, Chef der SWE Energie GmbH, planen Erfurts unabhängige Wärmeversorgung. Sie stehen vor dem Gas- und Dampfturbinenkraftwerk – hier könnte die neue Tiefengeothermie errichtet werden

Tiefengeothermie – wie man die Erde selbst als Energiequelle erschließt

Unter unseren Füßen ruht ein bisher wenig erschlossener Schatz – die Erdwärme. Mit zunehmender Tiefe wird es immer heißer: In Mitteleuropa steigt die Temperatur um etwa 3 °C für jede 100 Meter, die man in die Erde vordringt. Im Erdkern selbst wird eine Temperatur von 5.000 bis 7.000 °C angenommen. Diese immense Wärme im Inneren der Erde ist nach menschlichem Ermessen praktisch unerschöpflich. Ständig fließt Energie aus dem Inneren der Erde an die Oberfläche. Jeden Tag strahlt der Planet etwa viermal mehr Energie in den Weltraum ab, als die Menschheit derzeit verbraucht. Geothermie nutzt diese Wärme aus den Tiefen der Erde, um Energie zu gewinnen – und das auf eine ganz besondere Art. Die Tiefengeothermie setzt auf das Erschließen von Wärme aus tiefen Gesteinsschichten, die bis zu mehreren Kilometern unter der Erdoberfläche liegen. Dafür werden tiefe Löcher gebohrt – oft mehrere tausend Meter – um an die heißen Gesteinsschichten zu gelangen, welche die nötige Wärme liefern. 

Findet man in der Tiefe ausreichend Wasser, wird es nach oben gepumpt, die Energie zum Heizen eingesetzt und dann wird das abgekühlte Wasser wieder zurück in den Untergrund geleitet. Alternativ kann ein geschlossenes System errichtet werden, bei dem kein Wasser aus dem Untergrund genutzt wird. Stattdessen wird Wasser von der Oberfläche aus in einem Kreislauf durch ein geothermisches System geführt. Das Wasser erhitzt sich, während es in die Tiefe sinkt und steigt dann wieder als heißes Wasser auf, dort wird es zur Wärmebereitstellung genutzt und anschließend wieder in die Tiefe gegeben. Im Grunde wie beim Wetter: heiße Luft steigt auf und kalte Luft sinkt ab, erhitzt sich und steigt wieder auf. Wie beim Wetter kommt auch dieses System ohne zusätzliche Energie aus – das Wasser zirkuliert sozusagen von allein im Kreis. Besonders charmant: Tiefengeothermie-Anlagen haben im Vergleich zu anderen Heiz- und Kraftwerksarten einen kleinen Flächenverbrauch und fügen sich unauffällig in die Landschaft. Zudem sind sie unabhängig von Wetter oder Tageszeiten. Anders als Wind-oder Solarenergie liefert Geothermie konstant Energie. 

Diese Art der Energieerzeugung gilt als besonders nachhaltig und umweltfreundlich, da die Emissionen und der Ressourcenverbrauch im Vergleich zu fossilen Brennstoffen minimal sind. Wo Licht ist, ist auch Schatten: Die Bohrungen sind kostenintensiv und der Erfolg hängt stark von den geologischen Bedingungen ab. Die Betriebskosten sind bei geothermischen Anlagen gering, da kein Brennstoff benötigt wird. Vor diesem Hintergrund rechnen sich auf lange Sicht auch die hohen Investitionskosten zu Beginn. Vor dem Einsatz geschlossener Systeme waren die Projektbetreiber darauf angewiesen, dass ausreichend Wasser im Untergrund gefunden wurde. Wenn das Gestein nicht so heiß war, wie erwartet, sank die Effizienz der Anlage erheblich. Vorteilhaft ist, wenn bereits ein Fernwärmenetz vorhanden ist, in das die Wärme eingespeist werden kann.

 

Und ist das auch sicher?

Wie bei jeder Technologie sind auch bei der Nutzung der Erdwärme Risiken und Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen. Besonders bei der Erschließung tiefer geothermischer Ressourcen, die mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche liegen, müssen potenzielle Gefahrenquellen genau untersucht und geeignete Schutzmaßnahmen getroffen werden. 

Geothermie-Anlage der Firma Eavor mit ge-schlossenem System am Standort Geretsried. Das System umfasst zwei vertikale Bohrungen, die in der Tiefe jeweils auffächern und zu einem ge-schlossenen Kreislauf zusammengeführt werden. Dadurch entsteht unterirdisch ein großer Wärmetauscher, mit dem bereits Strom produziert wird

Zu den wichtigsten Risiken zählen Grundwasserschutz und Bodenbewegungen – ob nun in Form von Erdfällen, aufquellenden gipshaltigen Schichten oder induzierten Erschütterungen. Diese können beispielsweise entstehen, wenn das Wasser in tiefes Gestein gepumpt wird. Dies kann zu kleinen Erschütterungen – so genannter Mikroseismizität – führen. In seltenen Fällen kann diese Mikroseismizität so stark sein, dass sie spürbare kleine Erschütterungen auslösen kann. Auch wenn diese für Verunsicherung sorgen, liegen die maximal erreichbaren Magnituden so niedrig, dass keine Gefahr für Leib und Leben oder die Infrastruktur besteht, die man mit einem Erdbeben vergleichen könnte. Bei der Planung von geothermischen Anlagen ist es wichtig besonders vorsichtig vorzugehen, entsprechende geologische Untersuchungen durchzuführen und während der Bohrung engmaschig zu überwachen, um die Risiken zu minimieren. Besondere Aufmerksamkeit wird auf sogenannte Gipskeuperschichten gelegt – gipshaltige Bodenschichten, die bei Kontakt mit Wasser aufquellen können. Dies wiederum kann zu Bodenhebungen und damit Beschädigungen an Gebäuden führen. Wird durch eine solche Schicht gebohrt, werden auf international geregelten Bohrstandards basierende Bohrtechnologien genutzt, um ein Aufquellen zu vermeiden und Grundwasser sowie Boden dauerhaft zu schützen.

Text: Aike van Douwe, Kim Schnurrenberger/COWI Grafik: SWE Fotos: Christopher Schmid /EAVOR

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erfurt, stadtwerke, SWE Energie, Tiefengeothermie, wärmewende

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