Wolfgang Staub hat nach 1990 weiter Ostkünstler engagiert, als sie keiner mehr wollte und ist bald mit fünf Veranstaltungsorten in Erfurt derjenige, der für fast jeden Geschmack etwas anbietet
Eigentlich hat Wolfgang Staub Elektrotechnik studiert, den Ingenieur gemacht. Zum persönlichen Spaß aber auch schon 1987 im Keller seines Hauses eine kleine Druckerei betrieben, dazu den passenden Facharbeiter und Meistertitel erworben. Selbstständigkeit zu DDR-Zeiten. Utopie. Dann die Wende, Aufbruchstimmung. Alles auf Anfang. Plötzlich war vieles möglich. 1989 stand eine Druckerei in der Iderhoffstraße zum Verkauf. Die Selbstständigkeit lockte weiter. Also gekauft. Wolfgang Staub orientierte sich neu. Fast zeitgleich hatte er aber auch schon die Fühler in Richtung Marstallstraße ausgestreckt. Die Nummer 12 war zu haben. Was solls. Staub schlug auch hier zu, kaufte gleich das ganze Haus, eine ehemalige Tanzschule. Die Idee wurde mal fix in eine andere Richtung gedreht. Weg von der Druckerei, hin zu einem Ort, der fürderhin ein Synonym für Kultur sein sollte — Dasdie Live. Der Anfang war gemacht. Freilich musste das heruntergekommene Haus erst saniert werden. „Das Dach war weg, im Erdgeschoss konnte man den Himmel sehen und der Schwamm war drin“, weiß er noch. Kredite waren damals einfach zu bekommen, erinnert er sich. Alles nahm seinen Lauf.
Staub, waschechter Erfurter, nahm sich die „Resterampe der Wende“ vor – Ostkünstler, die nach dem Mauerfall keiner mehr haben wollte. Denkste. Man muss nur dranbleiben. Staub telefonierte landauf, landab die Veranstalter und Agenturen ab, wo denn die Leute abgeblieben seien, die vor 1989 die Häuser füllten. Und dann hat er sie peu a peu wieder ausgegraben und engagiert.

Problemlos lief das aber ganz und gar nicht. „Wir eröffneten im Juni 1993 und alles rannte im Sommer ins Freie und ans Meer“, weiß der Ur-Erfurter noch genau. Es hat dann ein bisschen gedauert, ehe die Leute gemerkt haben, dass da etwas angeboten wird, was sie kannten und mit dem sie vertraut waren. Musik ihrer Jugend. Dazu Varieté und Revue, Show und Theater. „Vier, fünf Jahre habe ich Minus gemacht. Ohne die Druckerei hätte es nicht funktioniert. Die lieferte das Geld, um zu überleben“, sagt er.
Staub war seinerzeit „Mädchen für alles“. Er hat die Künstler ausgesucht und engagiert, er hat die Tickets verkauft und am Abend abgerissen, er war Platzanweiser, Techniker, Conférencier, er managte den Einkauf und die Abrechnung selber. Eine One-Man-Show wie aus dem Lehrbuch des Unternehmertums. Der Arbeitstag zog sich von 10 bis mindestens 23 Uhr hin. Gezweifelt, dass sein Plan an der Wand zerschellen könnte, habe er nie, versichert der Kulturmacher. Im Jahr fünf war er endlich in der Gewinnzone. Und die 160 Plätze waren fast immer ausverkauft und wurden langsam zu knapp. Da stand um die Ecke das Dasdie Brettl zum Verkauf. Ein Haus mit sagenhaftem Ruhm. Da kam man zu DDR-Zeiten nur mit Krawatte rein. Und wer keine hatte, dem wurde eine vom Rausschmeißer verkauft. „Ich bin mal im Brettl rausgeflogen, weil meine Garderobe als unpassend angesehen wurde“, erzählt Wolfgang Staub lachend. Mit D-Mark wurde das Haus gekauft und im November 2002 eröffnet, obwohl die Bausubstanz noch heruntergekommener war, als anfangs im Dasdie Live. Nun konnten auch größere Acts gebucht werden. Ins Dasdie Brettl passten neuerdings 450 Gäste.


Ja, und dann wollte die Stadt das Alte Opernhaus nicht mehr. Zu runtergekommen, zu unwirtschaftlich, ein Unding, ein Stiefkind. Nicht für Staub. Der machte den Stadtoberen vor, wie es gehen kann. Kredit genommen, losgelegt. Das Gestühl holte er selber aus dem Theater in Hildburghausen. Bis zu 1000 Besucher könnten dort heute im Ernstfall bespaßt werden. Was auch heißt, es rentiert sich. Alle drei Häuser mit ihren vier Spielstätten — 2013 kam noch das Kabarett Erfurter Puffbohne im Brettl dazu — sind heute zu zwei Dritteln ausgebucht. Um die 120 000 Besucher per anno. Eine Quote, von der andere Kulturveranstalter nur träumen.


„Ich engagiere Vielfalt, die bei meinen Gästen ankommt, mein persönlicher Geschmack bleibt da meist außen vor“, sagt der eingetragene Kaufmann. Der Titel steht in der Firmenauskunft. Früher ging er Klinken putzen, heute fragen die Künstler bei ihm an, ob sie in Staubs Kulturkonglomerat einen freien Termin haben könnten. Staub — der Name der zieht in der Branche mittlerweile. Und er wiederum zieht große Namen: Uriah Heep, Die Prinzen, Barclay James Harvest, Herman van Veen, Bülent Ceylan, Quatsch Comedy Club, Simon&Garfunkel Revival Band, Die Höhner, Lars Eidinger, Wladimir Kaminer, Ulrich Tukur&Die Rhythmus Boys, die Wiener Sängerknaben, Urban Priol, Ulla Meinecke, Marius Müller-Westernhagen, Dr. Mark Benecke. Dieses Namensliste zeigt auch die extreme Vielfalt des Dargebotenen. Nicht zu vergessen die Dauerbrenner „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder die „Rocky Horror Show“, die echten Zugpferde ins Staubs Kulturimperium, für das er nie staatliche Fördergelder in Anspruch genommen hat.
Demnächst kommt der Stadtgarten dazu, den er drei Jahre lang hat herrichten lassen und der nun im Herbst nach einem sehr holprigen Genehmigungsverfahren endlich an den Start gehen soll. Für Besucher im Altersprofil von 16 bis 30 Jahren. Klubatmosphäre halt. Die Verträge sind geschlossen. 1000 Plätze warten am Dalbergsweg auf Gäste. Und im Hintergrund schwingt immer noch das „Spot“ am Nordstrand mit. Dem bereits begonnenen Projekt hatte Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Aber das ist keineswegs vom Tisch“, verspricht Wolfgang Staub. Die Planungen würden laufen.
„Ich bin dankbar, dass ich diesen Beruf ausüben darf“, sagt der Kulturunternehmer, den man des Öfteren auf dem E-Roller zwischen seinen Spielstätten hin und her schwirren sieht. Dem für die Kultur glühenden Erfurter gehen die Ideen einfach nicht aus. Wer weiß, was da noch alles kommt.
Gastautor: Michael Keller

