Der Eishockeyclub TecArt Black Dragons wird in seiner teilerneuerten Kartoffelhalle weiter am Vereinssystem mit eigenen Talenten festhalten
1979. Die Ölkrise beginnt, zwei DDR-Familien türmen mit einem selbstgebauten Ballon in den Westen, die Russen marschieren in Afghanistan ein. Zeitgeschichte, an die man sich noch so ungefähr erinnert. Gern, aber inzwischen mit zwiespältigen Gefühlen, erinnern werden sich hingegen Erfurts Eishockeyfans an dieses Jahr, denn 1979 wurde die „Kartoffelhalle“, wie sie der Volksmund ob ihrer architektonischen Tristesse gern bezeichnet, gebaut. Und damit ein Grundstein für ihre Sportart gelegt. Freilich am Anfang eher unfreiwillig. Denn die Wellblechkiste war anfangs nur zum Trainingsbetrieb ohne Publikum für die Eiskunstläufer gedacht. Dem Eishockey hatte nämlich 1970 die Partei- und Staatsführung mangels Erfolgsaussichten bei Olympia kurzerhand die Luft abgedreht. Die Vereine wurden aufgelöst und Eishockeyspieler zu Eisschnellläufern „umgeschult“. Vom „Erfurter Weg“, der heute im Eishockey die strategische Ausrichtung für die nächsten Jahre bestimmen wird, ahnte man damals freilich (noch) nichts.
Mit der Wiedervereinigung wurden erstmal die Karten auch sportlich neu gemischt und die schnellste Mannschaftssportart der Welt trat in Erfurt aus ihrem Schattendasein. Selbstbewusst fanden sich alte und neue Eishockey-Freunde und der ESC wurde 1990 gegründet. 1996 erwuchsen daraus die Black Dragons. 2008 fiel der Startschuss für den EHC Erfurt, der heutigen sportlichen Heimat der TecArt Black Dragons.
Blickt man zurück, wartet Erfurts treues und fanatisches Eishockeypublikum nunmehr seit 35 Jahren darauf, dass aus der Kartoffelhalle eine richtige Stätte für ihren Sport wird. Was aber wurde den Fans seither nicht alles versprochen. Modelle einer neuen, modernen Halle verschenkte man öffentlichkeitswirksam vor Publikum an ehemalige Funktionsträger, Architekten versuchten sich an dem Projekt. Passiert ist nichts. Keine neue Halle. Aber man ist sich in der Stadt inzwischen durchaus bewusst, dass Eishockey ein wichtiger Baustein im oft postulierten Titel „Sportstadt Erfurt“ ist. Sukzessive ist man deshalb daran gegangen, den alten Kasten, dessen Funzelbeleuchtung den Gegnern der Black Dragons früher angstvollen Respekt einflößte, zu modernisieren.

Martin Deutschmann ist erfolgreicher Geschäftsmann und zugleich Präsident des Eishockeyclubs Erfurt (EHC), Kai Martin ist Vizechef des Erfurter Sportbetriebs (ESB) und Abteilungsleiter technisches Sportanlagenmanagement, wie es etwas sperrig heißt. Die beiden Herren treffen sich zum Ortstermin in der Kartoffelhalle. Die sieht irgendwie heller aus als die Jahre zuvor. Was an den neuen, flexiblen Banden liegt, die die massiven Halterungen der Plexiglasscheiben abgelöst haben. Alles beweglich gelagert. Wenn nun der Verteidiger sein Gegenüber an die Bande nagelt, ist die Verletzungsgefahr erheblich geringer, als zuvor. Nur zu gern hat man sich zumindest aus dieser Sicht den neuen Vorgaben des Deutschen Eishockeybundes gefügt. Allerdings kostet das Ganze eine Menge Geld. (400.000 Euro). Und auch Platz. Das Spielfeld wurde etwas kleiner, Kampfgericht und Spielerbänke tauschten die Seiten. Einiges ist nicht optimal beim Umbau verlaufen. Man feilt hinter den Kulissen emsig am Prozess der „Nachoptimierung“, versichert Kai Martin. Namensbruder Deutschmann vernimmt es mit entspannter Miene. Er ist bescheiden als Eishockeyverrückter geworden und froh, dass sich überhaupt etwas tut.

Dach, Lüftung, Beleuchtung, Banden etc. – Kosten: ca. zwei Millionen Euro – wurden sukzessive erneuert. Die TecArt Black Dragons, wie sie nach ihrem Hauptsponsor benannt heißen, steuerten eine neue LED-Anzeigentafel und Umkleidecontainer für die Kindermannschaften bei. Platz ist nun für 1400 Zuschauer. Der Drachen-Durchschnitt liegt bei 950. „Letzte Saison waren unsere damals 1200 Plätze aber fünfmal ausverkauft“, sagt Deutschmann stolz. Was bleibt, sind die ungeklärten, aber fundamentalen Fragen nach neuen Umkleidekabinen für die Heimmannschaft und die nach wie vor nicht vorhandenen Sitzmöglichkeiten. Wer ein Spiel der Black Dragons sehen will, muss seit 1990 Stehvermögen zeigen. Deutschmann kennt aber auch eine große Lösung. Soll heißen, man zieht die Hallenseite an der Arnstädter Straße bis zum Gehweg hinaus und gewinnt Platz für Zuschauertraversen und Funktionsräume. Die Pläne, sagt er, liegen bauantragsreif in der Schublade. Kosten: mindestens 14 Millionen Euro. Illusorisch, dass die Stadt dieses Geld trotz der jahrelangen Vertröstungen und Volten selber bereitstellt. Der EHC-Präsident gibt zu, ein Auge auf die Ankündigung des Bundes zu haben, milliardenschwere Fördergelder in Sportanlagen zu investieren. Wohlwissen, dass das nur Wunschdenken sein kann. Fest eingeplant sind in den nächsten Jahren aber rund drei Millionen Euro u.a. für Umkleidekabinen und Beschallung.
Egal wie, im Drachennest hält man am ausgegebenen „Erfurter Weg“ unbeirrt fest. Soll heißen: Höhenflüge in Richtung zweiter Liga liegen bei den Drachen fest verschlossen in der Schublade mit der Aufschrift „Utopie“. „Wir wollen auch in der Jubiläumssaison im nächsten Jahr Erfurt auf einem vernünftigen, sparsamen Weg als Oberligastandort stabilisieren“, so der EHC-Präsident. Motto: Risiko minimieren und immer wachsam sein. „Schon eine zehnprozentige Abweichung vom 1,5-Millionen-Jahresetat kann da zur Bauchlandung führen“, sagt Deutschmann, der vorsichtige Geschäftsmann. Harakiri wie andernorts – gerade ist das Moskitoteam aus Essen wegen einer Vereinspleite rausgeflogen – werde man hier aber auf keinen Fall begehen. Deutschmann: „Bei uns hängt doch der gesamte Nachwuchs mit 200 Kindern und Jugendlichen dran“. Das wäre unverantwortlich. So setze man darauf, seinen eigenen Nachwuchs ausbilden und die Besten an die erste Männermannschaft heranführen. Ist billiger und motivationsfördernder für die jungen Burschen. Der Name Moritz Seider, heute Star in der NHL, steht da sinnbildlich für diesen Weg. „Andere Vereine kaufen abgehalfterte Ex-Stars ein. Wir setzen auf eigene Nachrücker, statt Luftschlösser zu bauen“, sagt Martin Deutschmann. Dass das funktioniert, zeigen junge Spieler in der ersten Mannschaft wie Fritz Denner, Maurice Keil, Enzo Herrschaft oder Joe-Richard Kiss. Und schon scharren die nächsten Talente mit den Kufen. Deutschmann: „Darauf sind wir stolz“.

„Der Verein hat einen hohen Stellenwert im Erfurter Sportgefüge, schon wegen seiner sportgymnasialen Verankerung“, pflichtet ihm der ESB-Vize bei. Leider gebe Thüringen aufgrund seiner Struktur finanziell nicht das her, wie z.B. das Ruhrgebiet. Daher brauche es Förderprogramme. Und es würde auch der Stadt Erfurt gut zu Gesicht stehen, wenn sie endlich klar sagen würde, wo sie beim Thema Sport eigentlich hin will.
Abschließende Frage: Was macht ein Eishockeyspieler eigentlich, wenn draußen die Sonne knallt? „Wintersportler werden im Sommer gemacht“, sagt der Eishockey-Präsident und grinst bei dem Gedanken, wie seine Cracks im Kraftraum unter Gewichten ächzen mussten.
Gastautor: Michael Keller

