Wenn Michael Nitschke, Betriebsleiter der EVAG, in alten Fotos blättert, erfährt man nicht nur viel über die Geschichte der Verkehrsbetriebe, sondern auch über das Leben der Erfurter, ihre täglichen Sorgen.
Hier zeigen wir einen Blick auf die gerade aus dem Endpunkt Berliner Straße ausfahrende S-Bahn Anfang der 1980er-Jahre. Der vierteilige Doppelstockzug war ziemlich ambitioniert, die Fahrgastzahlen erfüllten die Erwartungen, die bei Einrichtung des S-Bahn-Verkehrs geweckt wurden, zu keiner Zeit. Die überwiegenden Nutzer der Bahn waren Kollegen von Umformtechnik und Eisenbahner.
Im Gegensatz zu dem gängigen Merkmal einer S-Bahn, dem Taktverkehr, fuhr die Bahn nur zu Berufsverkehrszeiten, lange Jahre mit 8 Zugpaaren pro Werktag montags bis freitags. Da die Strecke zwischen dem Nordbahnhof und dem Hauptbahnhof nur eingleisig war, konnten nicht alle S-Bahnen zum Hauptbahnhof durchfahren und es musste umgestiegen werden. Der hochbelastete Knoten Hauptbahnhof hatte dazu starken Einfluss auf die Pünktlichkeit der bei den Erfurtern etwas despektierlich „Riethschleuder“ genannten Bahn.
Hauptknackpunkt war aber, dass es bis zum Ende der DDR nicht gelang, die Bahn in das Erfurter Tarifsystem einzubinden. Während der normale Straßenbahnfahrschein 12 Pfennig kostete – nebenbei bemerkt der niedrigste Tarif der DDR, allerdings ohne Umsteigemöglichkeit – kostete die S-Bahn-Fahrt 20 Pfennig, was der eigentliche Einheitstarif der DDR war. Niedrigere Tarife hatten ihre Ursache in der Festschreibung der Kriegseinheitstarife von 1944, die zunächst auf Befehl der sowjetischen Militäradministration und später der DDR-Regierung nicht verändert werden durften (wie übrigens bei Brot und Milch). Auch Zeitkarten der EVB wurden von der Reichsbahn nicht anerkannt, und damit blieb die S-Bahn ein Fremdkörper im Tarifsystem von Erfurt. Wer im Anschluss an die S-Bahn noch Straßenbahn oder Bus hätte nutzen müssen, brauchte als Stammnutzer 2 Zeitkarten, also quasi musste er den doppelten Preis bezahlen.
1995 wurde der Verkehr dann eingestellt, mit der Reduzierung der Arbeitsplätze im Norden gab es noch weniger Nachfrage nach einer Zugverbindung zwischen Nordbahnhof und der Berliner Straße. Die Strecke wurde dann auch für den Güterverkehr 2003 stillgelegt und zumindest parallel zur NQV inzwischen abgebaut und renaturiert.
Text; Michael Nitschke, Betriebsleiter der EVAG
Foto: EVAG-Archiv