Im Herbst gibt es im ApfelGut im Steiger besonders viel zu tun, denn die Apfelbäume hängen voll. Dieses Jahr besonders. Der Regen, der manchem Urlauber den Sommer vermieste, hat den Früchten gut getan. Fast sieben Hektar ist das Gelände groß. Hunderte von Apfelbäumen stehen hier. Viele verschiedene Apfelsorten und 15 andere Obstbäume, darunter Kirschen, aber auch Pflaumen, Birnen und Quitten sind dokumentiert.

Doch erst die Hälfte der Bäume ist kartiert. Viele davon sind alte, fast vergessene Sorten, die sich geschmacklich sehr stark unterscheiden. Von süß bis saftig, sauer bis aromatisch. Manche haben rote Backen, andere sind goldgelb, grün oder knalligrot. „Wir gehen davon aus, dass wir hier über 60 Apfelsorten haben. 48 sind schon dokumentiert. Jetzt wollen wir wissen, was es mit den anderen auf sich hat“, erklärt Dirk Wiedenstritt, der den traumhaften Garten vor 8 Jahren gemeinsam mit seiner Frau Marlén gekauft hat und das zauberhafte Flair unbedingt erhalten will.

Viel Arbeit für die Pomologen, die deshalb vor kurzem zu zweit im ApfelGut anrückten. Hans-Jürgen Mortag und Norbert Stödtler sind Apfelexperten aus Leidenschaft. Einen ganzen Nachmittag arbeiten sie sich, bewaffnet mit Korb, Messer und Apfelpflücker durch die Plantage. Viele Bäume stehen hier schon seit den 1930er-Jahren und haben ihre Geheimnisse lange Zeit gehütet. Doch damit ist bald Schluss. Dennoch ist die Bestimmung der Sorten eine Wissenschaft für sich, bei der auch das Bestimmungsbuch nicht fehlen darf.

Die Pomologen im ApfelGut am Steiger – viel gibt es zu tun. Nur die Hälfte der über 60 Apfelsorten ist kartiert.

Naturgemäß ist der Herbst die stressigste Zeit für Pomologen wie Hans-Jürgen Mortag. Dann verbringen sie jede freie Minute in alten Apfelplantagen oder sind zu Apfelbestimmungstagen in ganz Thüringen unterwegs. Die Liebe zum Apfel wurde ihm schon in die Wiege gelegt. Seine Großväter, beide waren Bauern, haben ihm die Gabe vererbt, ihn in die Geheimnisse der Veredlung von Apfelsorten eingeweiht. Heute gilt er als einer der gefragtesten Pomologen überhaupt. 2020 wurde er im September – dem klassischen Apfelmonat – für sein Engagement als Thüringer des Jahres ausgezeichnet. Dirk Wiedenstritt ist froh, dass der 74-Jährige die Zeit gefunden hat, im „Botanischen Garten des Apfels“, wie er ihn gern nennt, vorbeizuschauen.

Alte Apfelsorten sind seine Leidenschaft – Hans-Jürgen Mortag ist Thüringens wohl bekanntester Apfelexperte.

Seit Jahren setzt sich der Apfelexperte aus Rottenbach für alte Apfelsorten, den richtigen Obstbaumschnitt, die Veredlung und Bestimmung ein. „Das Supermarktangebot kann mit der Vielfalt alter Apfelsorten nicht mithalten. Dabei ist sie sehr wichtig, für unsere Natur, für die Insekten, Streuobstwiesen geben Tieren und Pflanzen ein Zuhause“, sagt er und würde sich wünschen, dass alte Sorten wieder vermehrt ins Bewusstsein der Apfelfreunde rücken würden. Denn neu ist nicht besser, weiß er aus Erfahrung. So sind alte Sorten viel verträglicher als Neuschöpfungen, sodass auch Menschen, die allergisch auf Äpfel reagieren, bei „Goldparmäne“, „Jakob Fischer“ oder dem „Friedberger Bohnenapfel“ beruhigt hinlangen und genießen können. Letzterer ist ausgesprochen selten. Auch ihn haben die Wiedenstritts in ihrem Garten. Ebenso wie den Herbstapfel „Carola“, der ist besonders lecker, findet Marlén Wiedenstritt.

Der „Kaiser Wilhelm“ hat seine ganz eigene Geschichte. Der Kaiser selbst soll ihn1875 als wahrhaft majestätischen Apfel ausgezeichnet haben.

Der erste Apfel, den die beiden Pomologen (kommt von Pomona, der Göttin der Frucht) an diesem Tag bestimmen, ist ein „Kaiser Wilhelm“, auch „Blenheim“ genannt. Dafür bestimmen sie nicht nur die Druckfestigkeit, Farbe, Form, Schnittbild und Kerngehäuse des Apfels im Querschnitt. Auch Stiel und Geruch spielen eine wichtige Rolle, nicht zu vergessen der Geschmack. Aber auch der Stamm und die Rinde des Baumes fließen in die Begutachtung ein. Die Sorte mit himbeerähnlichem Aroma stammt aus dem Rheinland und war anfangs als „Peter Broich“ nur regional bekannt. Carl Hesselmann, ein Volksschullehrer und Pomologe aus dem Bergischen Land, soll den Apfel 1875 Kaiser Wilhelm zur Geschmacksprobe vorgelegt haben, der daraufhin die Namensverwendung für „diesen wahrhaft majestätischen Apfel“ huldvoll genehmigt und sich mit einer gerahmten Fotografie mit eigenhändiger Unterschrift bedankt haben soll. In den 1950er-Jahren verschwand der Apfel aus dem Erwerbsanbau, wohl auch, weil sein Fruchtfleisch im Laufe der langen Lagerung (er war wohl bis April des Folgejahres genießbar) mürbe wurde.

Der „Blenheim“ am Baum… heute heißt er „Kaiser Wilhelm“.

Langsam arbeiten sie sich voran. Mit dabei ist auch Alexander Seyboth, der einen Großteil der Plantage seit Jahren gepachtet hat und natürlich wissen will, was es mit den alten Sorten und den Geschichten dazu auf sich hat. Damit nichts in Vergessenheit gerät, bringt Dirk Wiedenstritt nach der Bestimmung der Sorten Marken an den Bäumen an. Die Nägel sind aus Aluminium und schaden den Pflanzen nicht.

„Croncels“ ist als Kuchen- und Saftapfel sehr beliebt.

Auch „Martens Gravensteiner“ und „Croncels“, ein gelber Apfel, der frisch nach süßem Wein schmeckt und als Kuchen- und Saftapfel beliebt ist, wurden an diesem Tag identifiziert. Martens Apfel, der auch als „Juwel aus Kirchwerder“ bezeichnet wird, stammt aus Norddeutschland. In den 1920er-Jahren wurde der süß-aromatische Apfel mit den roten Backen, der sich durch eine eher breite Form auszeichnet, entdeckt. Denn er ist ein Zufallssämling. Sachen gibt’s…

Auch lecker: die Gravensteiner.

Einige Sorten entfalten ihr volles Aroma erst nach längerer Lagerung, andere schmecken am besten frisch vom Baum. Wieder andere eignen sich perfekt für einen klassischen Apfelkuchen oder geben herrlichen Apfelmost. Die Äpfel, die hier wachsen, gehen im Stück oder als Most an Erfurts Bioläden. Denn die Wiesen des ApfelGutes sind biozertifiziert.

Text: Anke Roeder-Eckert

Fotos: Karina Heßland-Wissel