Schlüsselblumen fand man früher in jedem Bauerngarten. Sie waren ein Muss, nicht nur, weil sie zu den ersten Blüten im Frühjahr zählen und den Insekten Nahrung spenden. Sie helfen auch gegen Bronchitis. Atemwegsbeschwerden lindert aber auch die Schafgarbe, die ein wahres Multi-Heilkraut ist.
Ein Tee aus den getrockneten Blüten ist gut für die Haut, denn er wirkt blutreinigend und positiv auf Leber, Magen, Galle und Haut. „Auch bei Frauenleiden, speziell bei Krämpfen, hilft Schafgarbe, allerdings die weißen, nicht die gelben Blüten“, schränkt Marlén Wiedenstritt ein. Die Stadtführerin ist nicht nur historisch sehr beschlagen, sondern auch eine Kräuterexpertin.
Vieles von ihrem Wissen hat sie schon als Kind im Erzgebirge aufgeschnappt. „Unsere Eltern haben uns früh an Heilkräuter und ihre Wirkung herangeführt“, erzählt sie, als wir durch den Festungsgraben am Erfurter Petersberg schlendern. 3.600 Arzneipflanzen wachsen hier auf 40 Parzellen: die wichtigsten Heilkräuter Europas rund um Herz, Niere, Lunge, Leber, Hals, Haut, Magen und Rachen. Gepflegt wird die Pracht vom Thüringer Interessenverband Heil-, Duft- und Gewürzpflanzen e. V. Ranis. Viele Erfurter Hobbygärtner helfen mit, ernten und trocknen die Kräuter, aus denen sie Kräutertees für die Besucher zaubern: aus Johanneskraut oder Huflattich, Kamille oder Minze.

Hier erfahren Neugierige viel über die Kraft der Heilkräuter und ihre besondere Beziehung zu Thüringen. So wurde 70 Prozent der Kamille früher in Thüringen angebaut, das für seine Kräuter und Olitäten – wohlriechende Öle, Salben und Essenzen – bekannt war. Sie gilt als eine der bedeutendsten Pflanzen zur Linderung von Entzündungen oder Hauterkrankungen.

Es macht Spaß, mit Marlén Wiedenstritt durch die aromatischen Felder zu schlendern. Da ist der Gute Heinrich, der auf der roten Liste der heimischen Wildkräuter steht. „Die Blüten kann man dünsten, sie schmecken wie Brokkoli, die Blätter machen sich gut im Salat“, erzählt Marlén Wiedenstritt. Auch die Kapuzinerkresse hat es ihr angetan. Die Samen können, in Weinessig eingelegt, als Kapernersatz genutzt werden. „Die Pflanze ist nicht nur sehr gesund, enthält viel Vitamin C und wirkt aufgrund ihrer Senföle wie ein natürliches Antibiotikum. Im Gemüsebeet ist sie eine gute Begleitpflanze und dient z. B. zwischen Kartoffelreihen der Beschattung“, erklärt Marlén Wiedenstritt, die lange Jahre gemeinsam ihrem Mann den Kräutergarten am Dom gepflegt hat.

Die Melisse, eine sehr invasive, aber tolle Pflanze – Melissentee wirkt belebend und ausgleichend – findet sich hier ebenso wie Spitzwegerich, das Pflaster für unterwegs. „Man kaut ihn und legt ihn auf die Wunde. Der Pflanzensaft in Verbindung mit dem Speichel wirkt entzündungshemmend“, sagt sie. Deren Name leitet sich vom Standort „wege“ und „rich“ für König ab, was für die Bedeutung des Wegerich als Heilpflanze spricht, der auch im Salat gut schmeckt. „Ist die Blüte jung, kann man ihn ähnlich wie Spargel im Spargelrisotto verwenden. Die Blüten wirken außerdem wie Flohsamen und entlasten den Darm. Getrocknet hilft er gegen Husten. Manche legen Wegerich in Honig ein, andere vergraben ihn. Da gibt es viele Varianten“, erzählt sie und freut sich immer wieder über das Interesse der Besucher, wenn sie durch den Festungsgraben führt. „Es ist ein toller, sehr inspirierender Austausch, jeder weiß etwas anderes, das macht Spaß.“

Fast immer hat sie eine Anekdote parat, z. B. zum Eisenkraut, das nicht nur Darmprobleme lindert, sondern im Mittelalter auch als Kraut der Liebe galt. „Um den Hals getragen, soll es unwiderstehlich gemacht haben, am besten in Kombination mit Thymian und Oregano“, erzählt sie. Mythen und Legenden ranken sich auch um den Liebstöckel, der eine der wichtigsten Zutaten in Liebestränken war. Heute kennen wir ihn als Maggikraut.

Auch der Mönchspfeffer wächst im Festungsgraben. In der Naturheilkunde setzt man ihn heute noch gern beim PMS-Syndrom ein, um körperliche Beschwerden während des weiblichen Zyklus zu lindern. Im Mittelalter legte man ihn Mönchen und Nonnen gern ins Bett, um den Geschlechtstrieb zu hemmen.

Lavendel (das lateinische lavare steht für waschen und rein sein) wurde gern mit ins Badewasser gegeben, wurde aber auch gegen Blattläuse empfohlen. Deshalb wurden Kräutergärten früher oft mit Lavendel eingefasst. Aber auch als Kräuterkissen mit Hopfen wirkt er beruhigend und hilft beim Einschlafen, in kleinen Leinensäcken hilft er im Schrank gegen Motten.

Beim Beinwell ist der Name Programm. Im Mittelalter schwor man bei Knochenbrüchen oder Verstauchungen auf ihn. Als Umschlag hilft er gegen Arthritis, wirkt antirheumatisch, wundheilend und antiseptisch. „Und er hat eine tolle Blüte“, sagt Marlén Wiedenstritt und bricht gleich noch einen Lanze für den Ackerschachtelhalm. Früher kannte man ihn unter dem Begriff Zinnkraut, da er auch zum Reinigen von Zinngefäßen eingesetzt wurde. Als Arzneimittel entspannt er die Muskulatur und Gelenke, vor allem als Badezusatz, und wirkt – als Tee getrunken – lindernd bei Blasenentzündungen.

Löwenzahn ist nicht nur für den besonders aromatischen Honig bekannt. Junge Blätter machen sich gut im Salat. „Die Milch der Pflanze hilft bei Dell- und normalen Warzen“, erzählt Marlén Wiedenstritt.
Das Wissen sprudelt nur so aus ihr heraus, als wir durch den Festungsgraben am Petersberg wandern. Hier stehen nicht nur alte Gemüsesorten, sondern auch Kräuter aller Facetten dicht an dicht. Auf 3.400 Quadratmetern werden die Pflanzen präsentiert. Da ist der Waid, der im Mittelalter nicht nur das wichtigste Färbemittel war, sondern heute auch als Holzschutzmittel verwendet wird. „Die Blüten helfen gegen Neurodermitis und sind inzwischen aus der Kosmetik nicht mehr wegzudenken“, berichtet sie. Aber auch Krapp und Färberwau finden sich hier. Beides waren früher beliebte Färberpflanzen: Krapp für Rot und Wau für Gelb in den verschiedensten Schattierungen.

Es macht Spaß, ihr zuzuhören. Denn immer wieder verknüpft sie das Fachwissen rund um Kräuter mit Anekdoten aus der Historie des Petersberges, erzählt von den Benediktinern, die sich hier im 11. Jahrhundert niederließen und hinter dem Kreuzgang einen großen Kräutergarten auf dem Plateau anlegten. Dort, wo heute die Defensionskaserne steht, erstreckten sich Obstbäume. Hier wurde Hopfen angebaut, aber auch jede Menge Wein. Denn auch Erfurt war eine Weinbergstadt. Bis zum Roten Berg reichten die Weinberge, auch am heutigen Hauptfriedhof wuchsen die Reben. „Die Bedingungen waren perfekt, das Klima mild und warm, sodass der Wein nicht nur für den liturgischen Bedarf reichte, sondern für die Benediktiner auch eine wichtige Einnahmequelle war“, erzählt Marlen Wiedenstritt. Das Kloster galt als eines der wichtigsten in Erfurt. Im Laufe der Zeit entwickelte es sich zu einem großen Wirtschaftsbetrieb. Nicht nur die Gartenarbeit spielte bei den Benediktinern eine wichtige Rolle, sondern auch die Wirkung von Heilkräutern. „Die Mönche griffen das Wissen der Antike auf und entwickelten die Lehre der Heilkräuter weiter. Davon profitieren wir noch heute“, betont sie.
Ein zweites Benediktinerkloster befand sich auf dem Gelände der Cyriaksburg. Dort lebten die Nonnen, bevor die Zitadelle gebaut wurde. „Eine schöne Parallele, denn beide Flächen – Petersberg und Cyriaksburg – waren Festungen und werden heute gärtnerisch genutzt“, findet Marlén Wiedenstritt.
Die bekannteste Benediktinerin ist ohne Frage Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert lebte und als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters gilt. Auch der Thüringer Theologe Meister Eckhart gehörte später zu ihnen. Sie verfassten viele ihrer Texte in der Volkssprache und nicht auf Latein, was der Entwicklung der deutschen Schriftsprache enormen Auftrieb gab.
Heute ist Hildegard von Bingen vor allem für ihre natur- und heilkundlichen Schriften bekannt. Sie beschrieb über 260 Heilkräuter und ihre Anwendung, brachte das Wissen des Altertums in Einklang mit der Volksmedizin, mit der Kräuterkunde, die auch heute wieder an Bedeutung gewinnt. Etwas, das auch Marlén Wiedenstritt an sich selbst beobachtet. „Je intensiver ich mich mit dem Thema beschäftige, umso mehr werde ich an meine Kindheit im Erzgebirge erinnert. Die Wiesen waren voll von Heilkräutern. Wir haben Huflattich gesammelt und daraus Tee und Sirup hergestellt. Das hilft bei Husten. Ebenso wie Thymian. Aufgrund seiner bakteriellen Wirkung eignet er sich ideal für Gurgelwasser“, erzählt sie.

Einer ihrer Favoriten ist die Erfurter Puffbohne. „Ich hab sie selbst im Garten bei uns im Apfelgut, man kann sie roh essen, sie ist süßer als eine normale Bohne, sehr eiweißhaltig und enthält ganz viel Vitamin B 12“, sagt sie und bleibt etwas wehmütig bei der Brennnessel stehen. „Sie hätte im Heilkräuter-Ranking einen der obersten Plätze verdient, obwohl sie im Garten nicht so gern gesehen ist. Dabei kann man alle Pflanzenteile verwenden. Ein Tee aus den Blättern ist nicht nur blutreinigend, sondern auch entwässernd. Ein Sud aus der Wurzel hilft gegen Haarausfall oder Schuppen, massiert man die Kopfhaut damit. Mit 15 hab ich mir aus der Brennnesselwurzel selbst Shampoo gemacht, mit Birkenblättern“, sagt sie und ist ihren Eltern dankbar, die sie schon in jungen Jahren an die Naturheilkunde herangeführt haben. „Löwenzahnsalat, Brennnesselsuppe oder Lindenblüten gegen Fieber waren bei uns ganz normal“, erinnert sie sich.

Eibisch z. B. ist ein sehr altes Heilkraut, das auch den Weg in die Kochtöpfe fand. Von der Blüte her ähnelt der Eibisch der Malve. Die Wurzelknollen wurden zu Eintöpfen verarbeitet. Blätter und Blüten geben Mischsalaten eine pikante Note, helfen aber auch bei Erkältungen. Gleich nebenan steht der Salbei, der viel bekannter ist. Mancher hat sicher unangenehme Erinnerungen an das Gewächs. Salbeitee eignet sich perfekt als Gurgelwasser bei Halsentzündungen. In Pubertät und Wechseljahren wirkt die Pflanze ausgleichend und normalisiert die Schweißbildung. Nicht umsonst gilt Salbei als eines der ältesten Heilkräuter überhaupt. Der Name leitet sich von salvare ab, das steht für heilen, gesund sein. Mehr als 500 Salbeisorten gibt es: darunter Wiesen-, Steppen oder Muskatellersalbei. Das mediterrane Kraut wurde durch Mönche schon frühzeitig in ganz Europa verbreitet und kultiviert. In jedem mittelalterlichen Kräutergarten war die Pflanze, die sehr lange blüht, zu finden. Auch in der Küche ist Salbei beliebt, nicht nur für Fleischgerichte. „Ich verarbeite ihn gern zu Salbeiöl. Zu Spaghetti ist es köstlich“, sagt Marlén Wiedenstritt und hat noch einen besonderen Trink-Tipp für heiße Tage: Agaven- oder Holundersirup, aufgefüllt mit Wasser, Minze und ein Salbeiblatt dazu.

Zu ihren Lieblingen aber gehört der Rosmarin, der die Menschen schon in der Antike begeisterte. Das Heilkraut steht für Unsterblichkeit. Die Ägypter gaben einen Rosmarinzweig mit ins Grab, in Griechenland war es der Göttin Aphrodite geweiht. In mittelalterlichen Krankenstuben wurden Sträußchen aus Rosmarin und Salbei aufgehängt. Auch heute ist Rosmarin für seine belebende Wirkung bekannt. „Sein Duft macht munter, er regt zu geistiger Klarheit an, wirkt herzstärkend und hat eine positive Wirkung aufs Nervensystem“, sagt Marlén Wiedenstritt, die bei kalten Füßen auf Fußbäder mit Rosmarin schwört, aber auch eine Lanze für Wildkräuter bricht. „Sie werden oft zertreten, dabei kann man so viel damit machen. Sie liefern viele Nährstoffe und sind richtige Powerpflanzen, Brennesseln z. B. enthalten sechsmal so viel Kalzium wie Milch.“
Auch Blumen sehen nicht nur schön aus, viele kann man essen.
Text: Anke Roeder-Eckert
Fotos: Steve Bauerschmidt