„Die erste Etappe war toll, jetzt trauen wir uns an die zweite“, sagt Dirk Löhr, Vorsitzender des Vereins Erfurter Herbstlese e. V., und meint die 21 Herbstabende im September und Oktober mit Campino oder Gregor Gysi. Während der eine in Erinnerungen an den FC Liverpool schwelgt, erinnert der andere an seinen ungewöhnlichen Vater.

Wer Veranstaltungen für Kinder vermisst, dem sei mit Monika Rettigs Worten gesagt: „Im November haben wir da einiges geplant“. Mit dem „Literarischen Quartett“ geht es am 23. September los. Allerdings ist in den geschlossenen Räumen nur ein beschränktes Publikum zugelassen. „Wir sind sehr froh, dass Gäste wie die Geschwister Gabriele und Gregor Gysi oder Campino eingewilligt haben, zweimal aufzutreten“, so die Programmchefin Monika Rettig, die einen kurzen Ausblick auf den Literarischen Herbst gibt:

Thematisch geht es im Herbst unter anderem um die Erfahrungen aus 30 Jahren seit dem November 1989 oder um die Mordserie des NSU.

Am 26. September sind Gabriele & Gregor Gysi mit ihrem Buch „Unser Vater“ im Theater Erfurt zu Gast, das wie ein Gespräch zwischen den beiden Geschwistern angelegt ist. Thematisiert werden Privilegien, aber auch Prinzipien, Gott und andere Größen, deutsche Wahrheiten und jüdischer Witz. Sie sprechen über ihren Vater Klaus Gysi, „dessen Leben von den Extremen des 20. Jahrhunderts geprägt ist: 1912 als Berliner Arztsohn in bürgerliche Verhältnisse hineingeboren, wird er in jungen Jahren zum überzeugten Kommunisten und muss während der Nazizeit wegen seiner Überzeugungen, aber auch als Jude um sein Leben fürchten. Er sieht die DDR als große Chance und wird zeitlebens an ihren politischen Widersprüchen leiden: als Mitbegründer des Aufbau Verlages und späterer Verlagsleiter, Kulturminister, als Botschafter in Italien und Staatssekretär für Kirchenfragen“, ist in der Zusammenfassung des Aufbau-Verlages zu lesen.

Die Geschwister Gabriele und Gregor Gysi stellen ihr Buch „Unser Vater“ vor. Foto: Joachim Gern

Claudia Kemfert lädt am 6. Oktober unter dem Motto „Mondays for Future“ zur Debatte über die Zukunft ein. Um 19:30 Uhr schaltet sich die bekannteste deutsche Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie per Lifechat zu. Sie diskutiert mit Erfurter Vertretern von Fridays for Future und Parents for Future, wie es weitergehen kann. Die Veranstaltung findet im Evangelischen Ratsgymnasium statt.

Die Energieexpertin Claudia Kemfert setzt auf „Mondays for Future“. Foto: Oliver Betke

Literarisch darf das Publikum neue Bücher von Zsuzsa Bánk (8. Oktober „Sterben im Sommer“) oder Dirk Kurbjuweit, der sich dem spektakulärsten Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte widmet, erwarten. „Haarmann“ heißt sein neuer Roman, den er am 9. Oktober im Evangelischen Ratsgymnasium vorstellt.

Dabei versucht er nicht nur, dem legendären „Totmacher“ neue Nuancen abzugewinnen, sondern zeichnet auch ein vielschichtiges Epochenbild der frühen Weimarer Republik.

Dirk Kurbjuweit denkt über den Serienmörder „Haarmann“ nach. Foto: Susanne Schleyer

Besondere Abende sind Anna Seghers und ihrem Exil in Mexiko, das sie sehr prägte (26. Oktober), und Paul Celan und seinem berühmten Gedicht „Todesfuge“ (22. Oktober) gewidmet. Zudem werden die im Frühjahr ausgefallenen Termine mit Barbara Thériault, Klaus Jäger und Joachim Gauck nachgeholt.

Campino, Frontmann der Band „Die Toten Hosen“ erzählt aus seiner Kindheit als Sohn einer Engländerin und eines Deutschen – von seiner rasenden Leidenschaft für den FC Liverpool: „Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde“. Am 11. Oktober ist er jeweils 16 und 20 Uhr im Kaisersaal zu Gast.

Ungewöhnliche Einblicke präsentiert Campino am 11. Oktober im Kaisersaal. Fotos: Paul Ripke

Dystopisch wird es am 13. Oktober im Kultur: Haus Dacheröden mit Rob van Essen, der sein neues Buch „Der gute Sohn“ vorstellt.

„Die erste deutsche Übersetzung des niederländischen Bestsellerautors – eine Mischung aus Thriller, autobiografischem Zeugnis und absurder Road-Novel“, sagt Monika Rettig, die findet, dass es Zeit wird, dass auch das deutsche Publikum den Autor und Kritiker kennenlernt, der für eben dieses Buch im vergangenen Jahr mit dem wichtigsten niederländischen Kulturpreis ausgezeichnet wurde. Ein bisschen wie 1984, am Ende ist es aber vor allem ein Buch übers Altern, mit Agenteneinschlag, voller bizarrer Begebenheiten und unerwarteter Wendungen.

Das neue „Ostbewusstsein“ der Nachwendekinder und was das für die Deutsche Einheit bedeutet, ist am 16. Oktober im Evangelischen Ratsgymnasium Thema. Während Valerie Schönian für das Ostbewusstsein streitet, nimmt Steffen Dobbert den Gegenpart ein. Beide sind bekannte Journalisten und schreiben u. a. für „Die Zeit“.

Steffen Dobbert und Valerie Schönian spüren dem neuen „Ostbewusstsein“ der Nachwendekinder nach.

Gleich zweimal ist die Herbstlese im Atrium der Stadtwerke Erfurt zu Gast: am 28. Oktober mit „Deutschland aus der Vogelperspektive“ – dem persönlichen Geschichtsbuch von Bernhard und dem kürzlich verstorbenen Hans-Jochen Vogel. Bernhard Vogel, früherer Ministerpräsident Thüringens, stellt es vor.

Am 29. Oktober folgt Lina Zervakis mit „Etsikietsi. Auf der Suche nach meinen Wurzeln.“ Die bekannte Tagesschau-Sprecherin hat mehr Griechenland in sich als sie ahnte. Auf einer gemeinsamen Reise mit ihrer Mutter stellt sie fest, dass sie – obwohl in Hamburg geboren und aufgewachsen – doch mehr an griechischen Wurzeln hat als gedacht.

Linda Zervakis entdeckt ihre griechischen Wurzeln. Foto: Elissavet Patrikiou

Abgerundet werden die Herbstlese-Angebote in den kommenden Wochen auch durch das Programm im Kultur: Haus Dacheröden. Hier plant das Team um Johanna Bastian unter anderem eine Foto-Ausstellung zu den NSU-Morden sowie Filmvorführungen. Ein Wochenende lang – vom 29. Oktober bis 1. November – ist „Beethoven Satt“ angesagt. Anlass ist der 250. Geburtstag des großen Komponisten – mit Film, Konzert, Lesung, Workshop.

Das Team der Herbstlese möchte es auch an dieser Stelle nicht versäumen, von ganzem Herzen Danke zu sagen: bei den Autoren und ihren Verlagen, den Gästen, die auf die Rückerstattung ihrer Frühlingslese-Tickets verzichteten, und bei allen Unterstützern und Sponsoren, die ohne Ausnahme ihre Förderzusagen einhielten und so mehr denn je die Existenz des Festivals sicherten.

Tickets gibt es ab sofort in der Herbstlese-Geschäftsstelle im Kultur: Haus Dacheröden am Anger 37, übers Internet www.herbstlese.de oder über den Ticketshop Thüringen unter www.ticketshop-thueringen.de sowie bei Hugendubel am Anger und im Thüringenpark.