Die Uhr an der Haltestelle in der Tschaikowskistraße zeigt 13.15 Uhr. Es ist nicht viel los, nur wenige Menschen warten mit einem gemeinsam darauf, dass aus der Ferne die ersten Umrisse der Straßenbahn sichtbar werden. Drei Teenager sitzen auf einer Bank. Statt einen Rucksack mit Schulsachen tragen sie Umhängetaschen, starren auf ihr Handy und kichern ab und an. Scheinbar alles „wie immer“.

Das Rattern der ankommenden Bahn mischt sich mit dem Rascheln in der Handtasche auf der Suche nach einem absolut unabdingbaren Muss: dem Mund-Nasen-Schutz. Denn das ist eben doch nicht „wie immer“. Dieses „Accessoire“ muss in allen öffentlichen Nahverkehrsmitteln und Geschäften in Erfurt getragen werden.

.Die Straßenbahn bremst. Surrend gleiten die Türen nach links und rechts, kaum einer steigt aus, doch wer jetzt rein will, maskiert sich. Auch die drei Teenager. Es ist nicht viel los in der Bahn. Abstand halten – problemlos möglich. Auffällig ist nur diese Ruhe. Die wenigen Gesprächsfetzen werden von der Maske verschluckt, und selbst als die Bahn die Unterführung des Hauptbahnhofs passiert, wird es nicht wie sonst viel lauter und „unruhiger“. Die Bahnen der Erfurter Verkehrsbetriebe fahren jetzt unter der Woche wieder im Zehn-Minuten-Takt, doch das sonst so geschäftige Treiben am Hauptbahnhof fehlt irgendwie.

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Ungewohnt, aber notwendig: Straßenbahnfahren mit Maske.

Jeder, der einsteigt, wird von den schon Sitzenden gescannt. Trägt er eine Maske. Sitzt die auch richtig über Nase und Mund. Hält er genügend Abstand? All diese Fragen scheinen den Menschen gleichzeitig durch den Kopf zu rasen. Doch was genau sie denken, lässt sich in dieser verrückten Zeit, in der das Coronavirus unseren Alltag beherrscht, noch viel weniger an den Gesichtern der Menschen ablesen als sonst. Auf dem Anger wird es voller, viele Geschäfte der Innenstadt haben jetzt wieder geöffnet. Hier, mitten in der Innenstadt, hat es den Anschein, als wollten die Menschen unbedingt zurück zur Normalität. Shoppen, Eis essen, Schaufenster bummeln. Und eben auch Straßenbahn fahren.

Noch prägen viele medizinische Masken das Bild. Die Farben Grün und Weiß dominieren im Gesicht der Menschen, nur ab und an leuchtet einem eine bunte selbstgenähte Maske entgegen. In der Linie 1 steigen mit Anbruch des Feierabends mehr Passagiere zu, viele tragen Maske, nur vereinzelt blitzt ein unbedecktes Gesicht in den Sitzreihen auf. Wer kann, bemüht sich um Abstand, bleibt lieber stehen als sich neben einen ihm unbekannten Fahrgast zu setzen.

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Auch Myriam Berg, Vorstand der EVAG, setzt auf den Mundschutz.

An der Lutherkirche steigt ein Mittdreißiger zu, die Schultern hochgezogen, Mund und Nase tief in einem dicken Wollschal vergraben. Eines ändert sich bei der Fahrt quer durch die Innenstadt nie und spiegelt sich in gewisser Weise beim Anblick des Mannes Mitte 30 wider: die Unsicherheit der Menschen. Maske tragen – was im 50 Kilometer entfernten Jena bereits seit Anfang April Gang und Gäbe ist, scheint in der Landeshauptstadt noch ungewohnt. Das Gefühl, „etwas“ vor der Nase und dem Mund zu haben, ist eher befremdlich. Da wirken die zwei Bauarbeiter, die ab der Haltestelle Salinenstraße zusteigen und sich angeregt und lautstark durch die Baumwollschichten der Maske hindurch unterhalten („Alter, was bin ich fertig“) fast ein wenig zu normal.

Die Busse und Bahnen der Stadtbahnlinien scheinen wieder voller als zuletzt. Und dennoch ist es derzeit irgendwie unvorstellbar, dass die EVAG wie sonst üblich zusätzliche Wagen einsetzt, um die Menschen nach Veranstaltungen in der Stadt nach Hause zu bringen. Unvorstellbar, dass man sich Zentimeter an Zentimeter gepresst, die Haltestangen in der Bahn mit anderen teilt. Fast vermisst man dieses Gefühl ein wenig, würde es doch bedeuten, dass Thüringen, Deutschland und die Welt nicht mit einem Virus zu kämpfen hätten.

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Mit Maske in der Straßenbahn.

Für jeden Straßenbahnfahrer und jede -fahrerin dürfte es jetzt trotzdem noch mehr Grund zur Freude geben. So nutzen nicht nur wieder mehr Menschen die Bahn, es leuchten auch bunte Masken entgegen. Und vielleicht das ein oder andere Lächeln. Durch die Augen, versteht sich.

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Inzwischen variieren die Masken, sind Farbtupfer zwischen dem Grün und Weiß.

Text: Juliane Maier-Lorenz
Fotos: Barbara Neumann