Julia Kulewatz ist Perfektionistin. Wochen und Monate feilt sie an ihren Texten. Sie lesen sich gut, ihre Kurzgeschichten von koreanischen Wasserträgerinnen, lustvollen Seufzern, die den Tod bringen, unberührbaren Augenblicken. Am liebsten möchte man eintauchen in diese Buchstabenwelt. Einfach runterlesen und weiterblättern, das geht nicht. Vielmehr möchte man – also ich – die Sätze genießen, sie immer wieder lesen und neidvoll staunen ob der Fantastik, der Wortfülle, der Geschmeidigkeit ihrer Gedanken.

Im Februar ist ihr erstes Buch erschienen. „Vom lustvollen Seufzer des Sudankäfers“ heißt es. Zwölf Kurzgeschichten finden sich in dem schmalen Band in Sudanrot. Eingerahmt werden sie von zwei literarischen Miniaturen, die sich direkt auf die Titelgeschichte beziehen. Es ist eine Auswahl, denn Julia Kulewatz schreibt schon seit langem. Einige Texte sind schon vor Jahren entstanden, andere sind ganz neu. Ganz bewusst hat sie sich bei ihrem Erstlingswerk mit „ed[ition]. cetera“ für einen kleinen Leipziger Verlag entschieden.

Ausgewählte Illustrationen runden die Geschichten um Freude und Schmerz, Wahrheit und Willkür ab. Alle stammen aus der Hand des Erfurter Künstlers Frank Krause. Auch er beschäftigt sich in seinen Werken mit der Sinnlosigkeit des Krieges, mit Tod, Verlust und Angst.

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Julia Kulewatz mit ihrem Erstling. Weitere folgen. (Foto: Ivo Dierbach)

Der lustvolle Seufzer ist der Auftakt zu einer Trilogie an fantastischen Geschichten. „Jenseits BlassBlau“, bereits im „Sudankäfer“ veröffentlicht, wird das zweite Buch eröffnen, „Bastardisierung“ das dritte, erzählt sie.

Wer ist die junge Frau, aus deren Feder scheinbar mühelos traumhafte und surreale, lustvolle und groteske, tragisch poetische Geschichten perlen?

„Mühelos?“ Julia Kulewatz lacht.  An der „Dissoziation“, einer Geschichte um grausame Kinderhände, die Käfern den Tod bringen, hat sie fast ein Jahr gefeilt, sagt sie und trinkt schnell einen Schluck Tee. „Wieso das?“, ich bin irritiert und sie fängt an zu erklären: „Kurzgeschichten sind zwar schnell gelesen, das Schreiben dauert dafür umso länger. Während man im Roman Zeit hat, die Figuren zu entwickeln, muss in der Kurzgeschichte alles sitzen, jeder Satz, jedes Wort. Ein Aufwand, der oft unterschätzt wird“, sagt sie.

‚Dann liegen ihr Romane wohl nicht‘, denke ich. Falsch gedacht. Wie sich herausstellt, hat sie schon einen in der Schublade. Wie so vieles andere auch, dank ihres Ideenbüchleins, das sie ständig mit sich herumträgt. Darin listet sie jeden Gedanken auf und sei er noch so klein. So ist auch die Idee zu „Blattwerk, Erster Zyklus“ entstanden, einem ihrer neuen Projekte. Als Auskopplung erscheint es demnächst in einer Anthologie. Insgesamt zwölf Zyklen sind geplant. Immer stehen Bäume im Mittelpunkt. Denn die stillen Riesen faszinieren sie besonders.

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Julia hat eine ganz besondere Beziehung zu den Bäumen. (Foto: David Szubotics)

Im Café Barista an der Schlösserbrücke sitzen wir im morgendlichen Sonnenlicht. Schnell kommen wir ins Gespräch, vergessen den Trubel um uns herum. Julia Kulewatz hat schon viel erreicht, dennoch ist sie ganz natürlich, geradezu liebenswert. Gern höre ich ihr zu. Vermutlich schwärmen auch ihre Studenten von der jungen Erfurterin, die nicht nur in der Stadt an der Gera studiert hat, sondern inzwischen auch Literaturwissenschaft an der Universität lehrt.

Wenn sie nicht im Seminar steht, geht sie nach draußen, genießt die Stille der Natur, am liebsten unter Bäumen. Stöbert auf Flohmärkten, versucht französische Postkarten von 1940 und früher zu entziffern. Lernt Sütterlin, schreibt lange Briefe. Gern nach Korea. Hier hat sie viele Freunde. Drei Jahre hat sie dort gelebt, studiert, im Goethe-Institut gearbeitet.

Ihre Briefe schreibt sie mit der Hand. Das kostet zwar Zeit, zeugt aber von ganz persönlicher Wertschätzung, sagt sie. Und so entstehen auch ihre Texte eher selten am Computer. Das verlangt nicht nur Konzentration, sondern auch Disziplin. Sie sammelt ihre Gedanken. Aus einigen werden demnächst Bücher, andere schlummern noch ein Weilchen, verrät sie.

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Julia Kulewatz ist am liebsten draußen, genießt den Schatten der Bäume und ihre Ruhe. (Foto: Ivo Dierbach)

Immer öfter liest sie aus ihren Texten, verbindet Musik und Literatur. Am liebsten mit Toni Materne. Der Musiker hat eine Auswahl ihrer Kurzgeschichten mit musikalischen Arrangements der etwas anderen Art unterlegt. Das kam so gut an, dass die Interpretation inzwischen als Hörbuch zu haben ist: Mehr zur Performance und zu den Beteiligten gibt es hier.

Mehr zu Frank Krause erfahrt ihr hier.

Nicht verpassen:

Am 28. September liest sie in der Buchhandlung Peterknecht aus „Vom lustvollen Seufzer des Sudankäfers“. Dort und im „Jokers“ ist das Buch auch käuflich zu erwerben.

 

Fotos: David Szubotics