Mittwochnachmittag in der Erfurter Altstadt.  Die Tische in den Straßencafes sind gut gefüllt, der schöne Frühherbst lädt dazu ein, Kaffee oder Eis im Freien zu genießen. Glücklich, wer schon Feierabend oder frei  hat…. Ums  Rathaus herum  herrscht reges Treiben,  Fußgänger eilen vorbei,  Radfahrer kurven im Slalom um die Passanten, Teilnehmer einer Stadtführung erhalten einen Einblick in Erfurts Historie.

Ein gelb-blauer Ball zieht die Blicke der Vorbeieilenden auf sich – ein Volleyball im Riesenformat. Er rollt ganz langsam in Richtung Fischmarkt,  bewegt von  sechs Spielerinnen  des Bundesliga-Teams von Schwarz-Weiss Erfurt.  Nicht nur der Ball ist ein Blickfang, die sympathischen Sportlerinnen im pinkfarbenen Team-Shirt sind es auch. Fröhlich starten sie am Roland-Denkmal die ungewöhnliche Werbeaktion für den bevorstehenden Saisonstart und rollen das überdimensionale Spielgerät weiter. Trainer Manuel Müller navigiert, die Gleise werden  überquert.

Die Passanten schauen  dem  riesigen Volleyball  nach.  Von den Spielerinnen erhalten sie mit einem freundlichen Lächeln eine ganz persönliche Einladung zu den Heimspielen in der Riethsporthalle, eine Karte mit Teamfoto und allen Spielterminen in Erfurt.  Nach einem kurzen Fotostopp rollt der Ball weiter über die Gleise der Stadtbahn zum Rathauseingang. Heiko Herzberg, ehemaliger Trainer des Spitzenteams und jetziger Geschäftsführer der Spielbetriebs GmbH, erzählt: „Wir haben den Ball bereits in der vergangenen Saison gekauft und auch einmal  eingesetzt.  Auf Grund seiner Größe kommt er immer gut an. Vor dem Saisonstart machen wir bestimmt noch mehr  solcher Guerilla-Aktionen*.“ (*Gemeint sind hier nicht dir Aktionen von Untergrundkämpfern. Marketingexperten wissen, es handelt sich um die ungewöhnliche Kombinationen verschiedener Elemente, die bei möglichst vielen Menschen Erstaunen und Überraschung verursachen – und das mit relativ bescheidenen Mitteln. Durch die Überflutung mit Werbung schafft  unser Gehirn Reizfilter, wir nehmen nicht mehr alles bewusst wahr. Ein intuitiver Abschaltmechanismus sozusagen. Guerilla-Marketing heißt das Zauberwort für die Werber, um dennoch in das Bewusstsein der Menschen vorzudringen.) Also keine Nacht- und Nebelaktion, sondern ein netter Gag am Nachmittag und die gewünschte Wirkung tritt ein.

Auch vor dem Rathaus  wird fotografiert, die Stadtbahnen unterbrechen  kurz die Aufnahmen. Vorbei eilende Passanten halten kurz inne, zücken das Smartphone und fotografieren. Die Stadtführungsgruppe ist jetzt ebenfalls am Rathaus, die Stadtführerin leicht gereizt, weil ihr Vortrag gestört wird.  Der Ball rollt wieder los, der Trainer der 1. Bundesligamannschaft des SWE Volleyteams hat jetzt das Führen des Balles übernommen. Manuel Müller kann eben nicht aus seiner Haut.

Über den Benediktsplatz geht es zur Krämerbrücke. Die Teamkarten mit den Spielterminen wechseln den Besitzer, interessierte Nachfragen der Passanten: „In welcher Liga spielt ihr denn und wann geht es los?“ Den drei amerikanischen Spielerinnen dürfte diese Art der Eigenwerbung bekannt sein. In Erfurt beschränkte sich  diese Promotion von Sportlern eher auf die Teilnahme an Veranstaltungen und Autogrammstunden.

Auf der Krämerbrücke wird es eng. Bei einer lichten Weite von 5,5 m zwischen den Hausfluchten hat der Ball nach beiden Seiten nur 1,5 m Platz. Auch hier sitzen Gäste vor dem Cafe, ein Straßenmusiker unterhält mit  Gitarre und Gesang. Auf Wunsch des TA-Fotografen wird der Ball über die Köpfe der Sitzenden in die Höhe gestemmt, aus der ersten Etage eines Hauses beobachten Zuschauer das Geschehen.

Über den Wenigemarkt und den Junkersand steuern die sechs Volleyballerinnen gemeinsam mit Manuel Müller und Heiko Herzberg den Anger an. In der Schlösserstraße wird ein kurzer Zwischenstopp nötig, die Straßenbahn fährt vorbei. Immer wieder unterbrechen kurze Fragen der Vorbeigehenden die Tour, die Spielerinnen freuen sich über das Interesse. Zwei ältere Frauen tuscheln hinter vorgehaltener Hand: “Die Mädchen sehen sich aber alle ähnlich und alle sind blond.“ Stimmt nicht ganz und ist auch nicht Voraussetzung, um im Team von Schwarz-Weiss Erfurt zu spielen. Sportliches Können war für die Auswahl entscheidend und das passende Umfeld in Erfurt wie Ausbildungsplätze, Studienangebote oder ein Job.

Halt am Anger, der Ball wird gleich als Fotoobjekt genutzt, Kinder bestaunen den runden Riesen und die Mütter schießen schnell ein Handyfoto. Die Spielerinnen schwärmen aus, 16 Uhr ist auf dem Anger Rushhour, Teamkarten werden übergeben, die  Wartenden an der Haltestelle zum ersten Heimspiel eingeladen. Am neuen Angerbrunnen dann noch ein Fotostopp für einen der Sponsoren. Ein Dankeschön, denn ohne starke wirtschaftliche Unterstützung wäre das Unterfangen 1. Bundesliga nicht möglich.

Das Fazit des Nachmittags: Erfurt ist eine Sport-, aber noch keine Volleyballstadt. Das Interesse der Landeshauptstädter ist da und mit einer guten Saison kann das alles noch werden.

Und – wir haben durchgezählt: die Hälfte der 16 Spielerinnen des Schwarz-Weiss Erfurt Teams ist blond.